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Die Narbe meiner Mutter

Es war Kramp ustag,
der 5. Dezember 1976.
Elfi war neun Jahre alt.

Anfang Dezember plagt ihre Geschwister und sie wie jedes Jahr ständig die Angst vor dem Krampus. Wenn sie nicht – wie von ihrer Mami aufgetragen – Holz holen, wenn sie nicht im Stall helfen oder die Schulaufgaben machen, droht die Mami immer: „Der Krampus kommt und nimmt dich mit in die Hölle!“ Und er kommt. Unaufgefordert tauchen sie auf, zwei Meter große Gestalten mit Masken wie Teufelsfratzen oder kleinere Figuren mit Kartons über dem Kopf, auf die Gesichter gemalt sind. Die Angst vor ihnen ist groß. Wer nicht davonkommt, wird aus dem Haus gezerrt, mit der Rute gehauen, von lautem Gebrüll und Glockengeläut in Schrecken versetzt.

Elfi ist das jüngste von sieben Kindern auf einem Bergbauernhof in Südkärnten. Zwei Buben und fünf Mädchen hat ihre Mami Maria zur Welt gebracht, die Jüngste neun, die Älteste neunundzwanzig. Im Stall stehen dreizehn Pferde und mindestens doppelt so viele Kühe. Alle müssen mit anpacken am Hof, Holz holen, Tiere füttern, die Stuten zum Hengst bringen – ohne Sattel durch die Wälder festgeklammert an der Pferdemähne. Es gibt wenig Lob, dafür umso mehr Tadel. Im Winter streiten sich die Kinder um den heißen Text & Fo tos Julia Slamanig 24 Heimat Libelle März 2012 Ziegelstein, den sie zum Wärmen mit ins Bett nehmen. Zur Krampuszeit möchten alle möglichst nahe bei Mami und Tati sein.

Es ist sechs Uhr Abend am 5. Dezember 1976. Elfi ist mit den beiden jüngsten Geschwistern Luzi und Jakob im Stall. Aus Angst vor dem Krampus wollen sie nicht allein in der Stube bleiben, sind ständig hinter ihrer Mami her, hängen ihr am Rockzipfel. Die Eltern arbeiten im Stall. Sie füttern die Tiere. In dem langen, schmalen Gebäude stehen fünfundzwanzig, dreißig Kühe nebeneinander, braun weiß gefleckt. Es ist dunkel, Licht kommt nur von der Glühbirne an der Decke. In der Mitte wird die Kuhreihe von einem Durchgang mit Geländer unterbrochen. Ständig muss man hier durch, um Heu für die Tiere zu holen. Elfi, Luzi und Jakob rennen im Stall herum. Sie tragen schwarze Gummistiefel. Schließlich ist der Bereich hinter den Kühen mit Kuhfladen übersät, die man in der Dunkelheit kaum sieht. Es schmatzt laut, wenn man in eine reintritt. Elfi piekst etwas Spitzes in den linken Fuß. Sie hat Heu in den Stiefel bekommen. Das Mädchen ärgert sich, bleibt im Durchgang zwischen den Kühen stehen und setzt sich aufs Geländer. Mit den Händen stützt sie sich dabei ab und versucht, mit dem einen Stiefel den anderen abzustreifen, um ihn auszuleeren. Der Stiefel steckt fest am Fuß, saugt sich fest. Elfi steigt mit dem rechten Stiefel auf die Ferse des linken, um ihn abzustreifen, fest.

In diesem Moment verliert sie das Gleichgewicht, kippt nach hinten und rutscht unter die Kuh hinter ihr, zwischen den Vorder- und Hinterbeinen hindurch. Sie kommt unter dem Bauch zum Liegen. Das Tier erschrickt und springt mit den Hinterbeinen auf den Bauch des Mädchens, rechts neben dem Nabel. Elfi schreit laut auf, ihre Mami Maria rennt zu ihr hin. „Ich krieg keine Luft, ich krieg keine Luft“, jammert die Kleine. Sie kann nicht einatmen, nicht Luft holen. Maria zieht sie unter der Kuh hervor, schleppt ihre Jüngste zum Wasserbottich und gibt ihr zu trinken. Tati und die beiden Geschwister rennen zu ihr. Er trägt seine Tochter aus dem Stall über den Hof in die Stube. „Wir rufen die Rettung“, beschließt Tati, während er das Mädchen aufs Sofa bettet. Ein halber Meter Schnee und Eis bedecken die Straße. Das öffentliche Telefon hängt beim Nachbar, einen Kilometer weit entfernt. Tati macht sich zu Fuß auf den Weg. In der Zwischenzeit wäscht Mami ihr Mädchen und zieht sie an. Über eine Stunde später betritt der Rettungswagenfahrer die Stube. Elfi zeigt ihm ihren Bauch. Rechts neben dem Nabel schwillt ein blauer, blutiger Fleck an. „Schaut nicht schlimm aus“, meint der Rettungswagenfahrer, „Sollen wir sie überhaupt ins Krankenhaus bringen?“ „Egal was ist, wir führen sie rauf!“, entgegnet ihr Tati laut, „und wenn nichts ist, dann können wir sie ja wieder heimbringen.“ Er hebt Elfi vom Sofa auf die Trage. Der Rettungswagenfahrer bindet sie fest. Quer über den Hof tragen sie das Mädchen bis zur Straße. Es war zu glatt, um mit dem Wagen bis zum Haus zu fahren.

Der Weg ins Krankenhaus dauert lange. Elfi ist kalt, sie zittert und schwitzt zugleich. Über die gefährliche Fahrt wegen dem vielen Schnee und Eis auf der Straße sprechen ihr Tati und der Rettungswagenfahrer ständig. Im Krankenhaus angekommen wird die Kleine aus dem Wagen in ein Bett gehoben und zum Röntgen gebracht. Alles ist neu für sie und unbekannt. Nach dem Röntgen ändert sich die Mine der Menschen um sie herum. Die Ärzte und Assistenten flüstern miteinander, gestikulieren heftig und hektisch. Das Bett wird im Laufschritt durch die Gänge geschoben. Niemand spricht mehr mit Elfi. Sie wird in einem Raum mit Glasscheibe abgestellt. Ein Mann mit weißem Mundschutz bindet Beine und Arme des Mädchens am Bett fest. Sie kann sich kaum bewegen, fühlt sich eingesperrt und wehrlos. Der Assistent stülpt ihr einen Trichter über den Mund an dessen Ende ein Blasebalg ist. Elfi will das nicht, keinen Trichter, keine festgebundenen Glieder, kein Bett, kein Krankenhaus. Durch die Glasscheibe sieht sie ihren Tati und denkt nur: „Ich will raus. Ich will zum Tati.“ In diesem Moment drückt der Assistent den Trichter fest auf ihr Gesicht und pumpt den Blasebalg. Sie wird müde und schläft ein.

Als das Mädchen aufwacht, steht Gerti am Bett, ihre zweitälteste Schwester. Unter Gertis Augen verläuft Wimperntusche. Tränen ziehen schwarze Spuren über ihre Wangen und die Schultern beben heftig. Elfi ist noch immer angebunden. In ihren Nasenlöchern, im Mund und neben dem Nabel stecken Schläuche. Auf dem Bauch haftet ein weißes riesengroßes Pflaster. Gerti setzt sich neben die kleine Schwester und hält ihre festgebundene Hand. Sie spürt den Puls, schnelles, heftiges Pochen. Einen grünweißgestreiften Rollkragenpulli, eine Strumpfhose und eine Puppe hat Gerti als Geschenk mitgebracht. Das Mädchen hat hohes Fieber, schläft wieder ein.

Heute ist meiner Mama klar, warum ihre Schwester so heftig geweint hat. „Wir wussten, dass sie sterben könnte“, erinnert sich Gerti, „sie hatte innere Blutungen. Der Darm war geplatzt und ihr Bauch voll mit Blut. Nach einer langen Operation lag Elfi tagelang auf der Intensivstation.“ Eines wird sie ihrem Vater seit damals nie vergessen: „Wär mein Tati nicht so stur gewesen und hätt darauf bestanden, ins Krankenhaus zu fahren, wär ich heute nicht mehr hier.“ Heute spürt Mama keine Auswirkungen mehr. Einziges Überbleibsel ist die Narbe, ohne die sie kaum jemand kennt, nicht einmal ich.

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