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Am Rande der Realität

Diese Welt ist das Spielfeld, auf dem der britische Autor Terry Pratchett seine Geschichten antreten lässt. Er schuf in über zwanzig mehr oder weniger zusammenhängenden Geschichten die wahrscheinlich cleverste Fantasy-Welt der Literatur. Seine Scheibenwelt und ihre BewohnerInnen sind ein verzerrter kreativer Spiegel unserer Gesellschaft, verpackt in eine humorvolle, jedoch auch irgendwie bösartige Kruste aus Phantasie. Pratchetts Geschichten drehen sich oft um mehrere, immer wieder vorkommende Hauptpersonen, manche jedoch stehen auch für sich allein. Und es ist für nahezu jede/n Fanatsy-Geschmack etwas dabei.

Da wäre Rincewind, der schlechteste Zauberer der Welt, dessen einziges Talent darin besteht, unheimlich gut im Weglaufen zu sein. Oder Oma Wetterwachs und Nanny Ogg, die zwei besten Hexen der Scheibenwelt – die eine stählern und zugeknöpft, die andere fröhlich und oft am trinken. Und dann gibt es da noch die Stadtwache von Ankh-Morpork, der größten Stadt der Scheibenwelt. Ankh-Morpork ist, was wir eventuell als „Schmelztiegel“ beschreiben würden – vorausgesetzt, wir beschäftigen uns in erster Linie mit der Schlacke, die übrig bleibt. Gelenkt wird sie von Lord Vetinari, dem wohl intelligentesten – und daher gefährlichsten – Politiker aller Zeiten. Er ist der Meinung, wenn Verbrechen schon nicht zu verhindern seien, sollten sie sich zumindest selbst organisieren – und ruft die Gilden der Assassinen, der Diebe und der Kaufleute ins Leben. Um die nicht lizenzierten Verbrechen kümmert sich dann die Stadtwache – bestehend aus einem ehemaligen Trunkenbold, Zwergen (auch wenn einer von Ihnen über 1,80 m groß ist), Trollen, einem Werwolf, Golems, und einigen anderen kreativen Wesen, die jedoch eines gemeinsam haben: Sie verweigern sich standhaft der stereotypen Darstellung ihrer Rollen, die im Fantasy-Gewerbe sonst üblich ist. Doch der größte Held der Scheibenwelt, neben einem aus Altersgründen nicht mehr ganz so aktiven Barbaren, ist GEVATTER TOD. Der Tod beginnt nämlich, sich für das Leben zu interessieren, nur genau verstehen kann er es nicht. Er nimmt einen Lehrling auf und tauscht sein Skelettpferd aus Gründen der Bequemlichkeit gegen einen stattlichen Schimmel namens „Binky“.

Und all diese Gestalten wirft Pratchett nun auf sein Spielfeld, und lässt sie auf der Scheibenwelt durch Geschichten wandern, deren DarstellerInnen uns nur allzu oft an uns selbst erinnern. Sie führen Kriege um strategisch wichtige, aber vollkommen nutzlose Felsen, sind SpeziesistInnen (die Hautfarbe wird zur Nebensache, wenn der neue Nachbar ein angeblich vegetarisch lebender Vampir ist), würden für genug Geld ihre Großmutter verkaufen, halten sich an keinerlei Regeln und sind im Allgemeinen gierige, gemeine Mistkerle. Aber irgendwie doch liebenswert. Pratchetts Charaktere sind auf ihre ganz eigene Art besonders, man wünscht sich irgendwann, sie kennenlernen und mit ihnen was trinken gehen zu können. Ein Besuch in seiner Welt kann sich auf jeden Fall nur lohnen. Da manche seiner Geschichten aufeinander aufbauen, empfiehlt sich eine gewisse Reihenfolge für EinsteigerInnen: Wer sich mehr für Kriminalfälle interessiert, sollte mit „Wachen! Wachen!“ starten, der ersten Geschichte über die Wächter in Ankh-Morpork, in der sie es mit einem verrückten Monarchisten und einem Drachen zu tun bekommen. Wer sich lieber mit mächtigen Zauberern und Touristen beschäftigt, sollte mit „Die Farben der Magie“ beginnen. Und wer gerne Geschichten über Lehrlinge liest, sollte sich „GEVATTER TOD“ zu Gemüte führen.

Weiterführende Details zur Scheibenwelt findet man überraschenderweise im Internet, eine schöne Auflistung findet man auf der im Wikipedia-Stil gebauten Seite www.thediscworld.de. Die deutschen Übersetzungen sind verhältnismäßig gut geschrieben, wie bei den meisten Büchern empfiehlt sich jedoch die Originalversion für die der englischen Sprache mächtigen. In der Hoffnung, bei dem einen oder der anderen ein wenig Interesse geweckt zu haben, schließe ich meine Ode an die Scheibenwelt mit dem übelsten Fluch, den man auf dieser kennt: „Möget ihr in interessanten Zeiten leben!“

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