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So nah, und doch so fern

Der Weg dorthin war jedoch nicht einfach da mir eine unumgehbare Sache in unserem Leben im Weg stand – die Bürokratie und somit auch meine Staatsbürgerschaft. Da ich Kroatin bin, wurde ich zuerst von der für die Nominierungen zuständigen Kommission abgewiesen, obwohl ich bereits seit 22 Jahren in Graz lebe – also, eine rein formale Sache wie meine Koordinatorin mir auch erklärte, die jedoch gegen die Bürokratie machtlos war. Alles andere – meine Qualifikationen, mein bisheriger Lebensverlauf, mein Studium – sprach dafür, dass ich in die Hauptstadt Kroatiens gehe, um meine Sprachkenntnisse zu perfektionieren. Somit war ich in meiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt, konnte persönlich aber nichts dagegen tun. Werden Menschen heute auf ihre Staatsbürgerschaft hin beurteilt und sind dadurch in ihrem Leben beschränkt? Sollte nicht jeder die Freiheit haben, über sein Leben und seinen Wahllebensort zu entscheiden und gleich behandelt werden? Ich fühlte mich hilflos in dem Land, in dem ich mein ganzes Leben lang lebe.

Doch das Glück stand schlussendlich auf meiner Seite. Da sich keine weitere Person für einen von den zwei Plätzen bis zum letzten Bewerbungstag gemeldet hatte, bekam ich ausnahmsweise den Platz zugewiesen und wurde nominiert. Ein Gefühl der Freude und unglaublich großen Dankbarkeit an meine Koordinatorin überkam mich, das ich bis heute nicht in Worte fassen kann.

Ich bekam die einzigartige Möglichkeit in meiner Geburtsstadt, die ich bis dahin nur zwei Mal für einen Tag besucht hatte, zu leben. Ich kannte dort genau – niemanden. Der erste Monat war von täglichen „Schockerlebnissen“ und Erkenntnissen der dortigen Lebenssituation geprägt, über welche ich mir bei weitem nicht in diesem Ausmaß bewusst war. Müsste ich für die Hauptstadt Kroatiens einen Titel aussuchen, würde ich mich wohl für „Zwischen I-Phones und Plastikflaschen gefangen“ entscheiden. Einerseits stechen einem täglich tolle Handys in der Straßenbahn ins Auge, andererseits sieht man mindestens zwei Mal täglich wie junge und alte Menschen in den Mülltonnen um Wohngegenden nach Plastikflaschen suchen, um sich ein paar Kuna (oder Cent) dadurch zum Überleben erkämpfen. Die Kluft zwischen reich und arm ist groß. Dennoch schlürfen hunderte Einwohner Zagrebs stundenlang jeden Tag an ihrem Kaffee an der sogenannten „špica“ – ein Kaffeehäusermeer im Zentrum. Haben sie sich entschlossen sich die Freiheit und das Recht zu nehmen, ihre Tradition des Kaffeetrinkens und der lockereren Lebensweise weiterzuführen?

Immerhin sollte jeder einzelne von uns das Recht und vor allem die Freiheit haben, über seine Träume und seinen Weg selbst zu entscheiden. Doch wir kommen oft zu der Erkenntnis, dass eigentlich die Aussage „Du hast eh die Freiheit über dein Leben und das, was du willst, selbst zu entscheiden!“ gar nicht immer der Wahrheit entspricht. Sehen wir es als einen Stein, der uns in den Weg gelegt wird. Eine Hürde, die wir überbrücken müssen. Dann haben wir uns etwas vounserer „Freiheit“ zurückgeholt. Von der Freiheit über unser eigenes Leben zu entscheiden.

(Freiheit) – So nah, und doch so fern

Mit dem Titel möchte ich eine Anspielung auf die Entfernung (bzw. Nähe) Kroatien-Österreich machen und auf Freiheit im Allgemeinen (eigentlich ist sie da und es liegt in unserer Hand über uns zu entscheiden, andererseits steht oft etwas im Weg und sie ist weiter weg.)

 

Text: Daniela Sačerić

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