Josef, der Widerstand und wir

Wir plauderten mit Josef Hader über fünf Jahre „Unibrennt“ und die Politik als Gummiwand, wie er Protest im Kabarett umsetzt und warum ihn Wutbürgertum ans Speien erinnert. Das Interview mit Josef Hader in seiner ungekürzten Fassung.

Josef Hader schlendert – fünfzehn Minuten zu spät – gemütlich auf uns zu. An seinem schwarzen Ledermantel baumelt ein Kabel, schlängelt sich um seine Nadelstreifhose, vorbei an den gestreiften Socken, den klobigen Schuhen, bis an den Boden. Mit zerzausten Haaren, in einer Strickjacke und einem „I loss ma nur no schnell an Kaffee oba – wuits ah an?“  beginnt unser Gespräch.

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© Friedrich Simon Kugi

Libelle: Bei den Uni-Besetzungen 2009 warst du live dabei und hast die Studierendenbewegung „Unibrennt“ unterstützt. Ein Grund zum Feiern?

Josef Hader: Das müsstet ihr besser wissen (lacht). Zu Beginn der Proteste war es mir ein Anliegen, die Studierenden zu unterstützen, weil ich strikt gegen Einsparungen in der Bildung bin. Außerdem war ich persönlich während meiner Studienzeit sehr dankbar über Beihilfen. Es war ein beruhigendes Gefühl, studieren zu können, obwohl man aus einem Elternhaus stammt, das finanziell nicht viel beitragen kann.

Es scheint, Studierende nehmen Prekarisierungen in den Universitäten wie Einsparungen, Verschulung und Ökonomisierung einfach hin. Oder?

Das Bologna-System wurde vor fünf Jahren eingeführt und der Ärger darüber verebbte nur langsam. Viele haben das frustrierende Gefühl, dass die Politik wie eine Gummiwand sei: Zu Beginn gibt sie ein bisschen nach, doch geht man ein Stück zurück, breitet sie sich sofort wieder aus.

Die Studierenden wissen außerdem, dass sie nicht jahrelang Protest betreiben können, denn sie müssen trotz den widrigen Umständen zum Abschluss kommen. Zusätzlich ist immer weniger Geld vorhanden und dadurch jobben immer mehr. Somit haben Studierende weniger Zeit, kurz durchzuatmen und sich über die Situation an den Unis Gedanken zu machen.

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Warum hast du eigentlich dein Studium abgebrochen und dich dem Kabarett verschrieben?

Mein Berufswunsch hat sich durch Kontakte im Studium entwickelt. Schlussendlich dachte ich mir: „Machst halt den Kasperl außerhalb der Schule für ein aufmerksameres Publikum, das Eintritt zahlt.“ Das Studium war keineswegs eine vergeudete Zeit, sondern eine Erfahrung.

Auf diesem Weg würde ich StudienabbrecherInnen gerne mitteilen, dass nicht nur der Abschluss zählt. Ich habe damals ein vergleichsweise lockeres System auf der Uni erlebt, obwohl bereits von Verschulung gesprochen wurde (lacht). Heute legt die Gesellschaft leider fast ausschließlich Wert auf Leistung und  Berufsorientierung. Das ist für die eigene Entwicklung und das gesamte Leben der falsche Weg.

Wie ist die „Jugend von heute“? Sie war ja immerhin nicht der Grund für den Abbruch deines Lehramtsstudiums…

Vieles ist heute differenzierter: Es gibt keine großen Jugendbewegungen mehr. Dem Stehsatz, die Jugend interessiere sich nicht mehr für Politik, stehe ich allerdings sehr skeptisch gegenüber. Es resigniert zwar ein Teil, weil man das Gefühl hat, nichts verändern zu können. Bei starren Verhältnissen entsteht Resignation aber bei Jung und Alt – also auch bei mir, denn die Rahmenbedingungen lassen uns keinen Veränderungsspielraum.

Ist Politikverdrossenheit ein österreichisches Phänomen?

In beinahe allen westlichen Demokratien resigniert die Bevölkerung. Davon profitieren populistische Rechtsparteien. Ganz Europa muss sich so demokratisch neu erfinden und mit der sozialen Frage fertig werden. Die Globalisierung schafft andere wirtschaftliche Bedingungen, gleichzeitig hat man wichtige Güter wie ein funktionierendes Sozialsystem zu verteidigen. Die Hoffnungslosigkeit darf nicht so groß werden, dass Menschen nur mehr Gewalt einfällt. Das Sozialsystem ist somit eines der höchsten Güter, die wir verteidigen müssen.

Verteidigen – mit welchen Waffen?

(lacht) Die Teile eines Finanzsystems, in denen es nicht um Wertschöpfung sondern nur um das Zocken geht, gehören abgeschafft. Eigentlich sollten sich alle Menschen einig sein gegen „die Abzocker“! Das passiert aber nicht, weil die Interessen von ArbeitnehmerInnen, ArbeitgeberInnen, FirmenbesitzerInnen und Familienbetrieben unterschiedlich sind. Das Auseinanderdividieren von Menschen funktioniert gut.

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Eine Zeit lang war Kabarett sehr politisch und gesellschaftskritisch. Hat es denn heute noch Protestpotenzial?

Kabarett und Kunst ist immer ein Spiegel der Zeit. Angefangen hat Kabarett wie ein Vorspeisenteller, als Mischung unterschiedlichster Kunstformen: Revolutionäre DichterInnen, JongleurInnen und ChansonsängerInnen teilten sich einen Abend. In dem Moment, als sich die Gesellschaft politisierte, passierte dasselbe mit dem Kabarett und umgekehrt. Es wird nicht prinzipiell immer alles schlechter, es sind vielmehr Auf- und Abbewegungen.

Wie setzt ein Josef Hader Protest im Kabarett um?

Mir fiel in meiner Schulzeit auf, dass es leicht ist Leute vorzuführen, die die Mehrheit für Trotteln haltet. Im Schulkabarett waren es also die LehrerInnen. Jetzt mache ich vorwiegend Kabarett über meine ZuschauerInnen – und mich. Wir sind Menschen in einem Gesellschaftssystem. Dadurch ist ein Kabarett über uns nicht unpolitisch.

Ich prangere kein System oder zum Beispiel RassistInnen an, weil die nicht in meine Vorführung kommen. Kunst bringt dich zwar nicht auf die Straße, sie ist aber trotzdem wichtig, weil sie uns zu denken und die Entwicklung zu beeinflussen hilft. Im Idealfall bringt sie Ideen, die später einmal von allen übernommen werden.

Apropos Protest: Bist du ein Wutbürger?

Ich würde mich eher als „Mutbürger“ bezeichnen. Denn Wutbürger zu sein, ist unreflektiert. Außerdem erinnert mich das ans „Speiben“: Ist man fertig damit, ist alles draußen und man hat keine Kraft mehr. Ich war übrigens noch nie auf einer „Gegen-Demo“. „Für-Demos“ finde ich viel sinnvoller, obwohl es mir genauso den Magen umdreht, wenn die FPÖ eine Kundgebung veranstaltet. Als Demokrat denke ich mir aber: Es ist ihr Recht. Genauso ein Recht ist es, danebenzustehen und dagegen zu sein. Nur Gewalt lehne ich strikt ab.

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Über die Unterbringung von Flüchtlingen wird immer wieder heftig diskutiert. Warum hast du das Protestcamp bei der Votivkirche unterstützt?

Mir hat es gefallen, dass AktivistInnen Flüchtlinge in die Innenstadt geholt haben. Normalerweise werden Flüchtlinge so weit weg von der restlichen Bevölkerung untergebracht wie nur möglich. Gleichzeitig verlangen wir aber, dass AsylantInnen sich gefälligst integrieren sollen. Durch das Camp wurde uns eines vor Augen geführt: „Es gibt uns – verdrängt uns nicht.“

Dir ist es also ein Anliegen, ausgegrenzte Menschen in die Gesellschaft zu integrieren – Nutzt du die Bühne dafür?

Ich betreibe kein Ethnologe-Comedy, denn ich bin Waldviertler und die sind gut integriert (lacht). Das Gute an dieser Art von Comedy ist, dass nicht nur politisch bewusste Menschen, sondern die breite Bevölkerung hingeht. Selbst wenn dort oft niveaulose Scherze gemacht werden, finde ich es immer noch fortschrittlich, da Integration als Thema aufgegriffen wird.

In Graz sind viele lustige Dinge wie Rad fahren im Park, Alkohol trinken in der Öffentlichkeit, Musizieren auf der Straße verboten. Gehören diese Verbote verboten?

Da muss ich länger nachdenken, weil mich in Graz schon ein paar Mal RadfahrerInnen fast umgestoßen haben (lacht). Schnell, schwarz angezogen und ohne Licht radeln, finde ich also ganz schlecht. Es ist jedoch nicht richtig, Alkohol am Hauptplatz prinzipiell zu verbieten, den Verkauf davon am Würstelstand aber zu erlauben. Klassische Musik beim Billa-Eck würde mich übrigens nicht vom Trinken abhalten. Im Gegenteil.

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Früher konnte in Wien jede und jeder musizieren, aber Reden zwischen den Stücken war nicht erlaubt. Ein Antrag dafür hätte so viel gekostet, wie ich an einem Tag verdient habe. Wenn ich also gerade ein Stück angekündigt habe und ein Inspektor kam, fing ich an zu Singen. Rap wäre hier ein Grenzfall (lacht).

Das wunderschöne Gegenstück zu Verboten ist die Freiheit. Was ist das für dich?

Die Zeit, Dinge zu verfolgen, ohne im Hinterkopf zu haben, dass ich etwas damit verdienen kann. Das ermöglichte während dem Studium mein Stipendium und heute das Kabarett. Jetzt mache ich mir meine Beihilfe sozusagen selbst.

Fünfzehn Minuten vor seinem Auftritt im Orpheum fällt Josef Hader ein, dass er sich noch einsingen muss. Er beginnt zu jodeln, während unser Fotograf Bilder schießt. Wir schlendern aus dem Backstagebereich, im Wissen, ganz entspannt mit Josef Hader geplaudert zu haben. Später betritt er die Bühne und wir sind uns sicher, dass wir Josef vor kurzem noch ganz privat gegenübergestanden sind. Und ganz so anders als auf der Bühne ist er gar nicht, der Josef mit zerzausten Haaren, in der Strickjacke.

Das Interview führten Andreas Binder und Sara Noémie Plassnig. Eine leicht gekürzte Form findet ihr auch in der Dezember-Ausgabe der Libelle!

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