Im Duo diagonal nach oben – Interview

Photo credit: Diagonale/Lukas Maul

Die Diagonale – eine Verbindungslinie zwischen nicht benachbarten Ecken in einem Polygon. Fernab abstrakter Geometrie haben sich Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber Zeit für einige konkrete Fragen genommen: Ein Interview zu Altersprivilegien, dunklen Räumen und Herausforderungen der jungen Intendanten des Festivals des österreichischen Films in Graz.

Autorin: Isabela Estrada (Kulturreferat)

Inwiefern betrachtet ihr die Intendanz eines renommierten Festivals wie der Diagonale als Privileg?

Sebastian Höglinger: Es ist ein Privileg, einen solchen Job ausüben zu können, bietet er doch im Bereich Kultur eine gewisse Sicherheit. Selbst unter schwierigen Umständen hat man so die Möglichkeit, zumindest für vier Jahre eine Vision zu verfolgen – ohne sich von einem Projekt zum nächsten vorwärtshanteln zu müssen.

Peter Schernhuber: Unser Alter schwingt in Diskussionen zu unserer Position im Kultursektor immer wieder mit, in anderen Arbeitsbereichen und Ländern ist es hingegen Usus, dass Jüngere mit etablierten Personen zusammenarbeiten. In Hinblick auf die gesellschaftliche Entwicklung wäre es wünschenswert, junge Leute tatsächlich ernst zu nehmen. Das kann eine große Bereicherung für beide Seiten sein. Ein Dialog mit generationsübergreifendem Mehrwert wäre die glückliche Folge einer solchen Konstellation. Wir schätzen es beispielsweise sehr, mit Personen arbeiten zu dürfen, die einen größeren Erfahrungsschatz mitbringen.

Welche Rolle spielte hierbei auch der Faktor Glück?

Höglinger: Es wäre falsch zu sagen, uns wäre alles zugeflogen. Mit der Bewerbung wollten wir ein Signal setzen: Wir sind hier und möchten mit einem neuen Konzept überzeugen. Zusätzlich hegen wir eine Liebe zu Festivals, haben langjährige Erfahrung in diesem Bereich und dementsprechende Visionen – diese auch umsetzen zu können ist sicherlich ein Gewinn. Dass wir eine Chance auf den Posten der Intendanz hatten, war uns bewusst, wir rechneten jedoch nie mit einer Zusage. Wenn man dann tatsächlich das OK bekommt, ist freilich immer auch Glück im Spiel.

Welche unerwarteten Herausforderungen sind – auch in Anbetracht eures jungen Alters – mit eurer Position verbunden?

Höglinger: Die Herausforderung des ersten Jahres war der enge Zeitrahmen vom offiziellen Antritt der Intendanz am 1. Juni 2015 bis zum ersten Festival. Gerade im Kultursektor wünscht man sich oft mehr Zeit, um zwischendurch auch mal einen Schritt zurückzutreten, Dinge länger auf sich wirken lassen und besser einordnen zu können. Die Übernahme der Festivalleitung brachte eine neue Lebensrealität mit sich, denn bereits ab Tag 1 galt es zahlreiche Herausforderungen zu meistern. Jetzt kommt eine spannende Zeit auf uns zu: Die Einreichfrist der Filme endete am 1. Dezember 2015, momentan sind wir gemeinsam mit unserem Berater/innenteam mitten in den Sichtungen. Die Schonzeit ist vorüber, denn sobald die ersten Entscheidungen getroffen sind, wird man mit Kritik konfrontiert und muss Stellung beziehen.

Schernhuber: Von anderen Branchenkolleg/innen wissen wir, dass der Kulturbetrieb kein Honiglecken ist – Unhöflichkeiten prägen häufig den Umgangston. Dies fällt mir schwer zu akzeptieren. Auch wenn klar ist, dass Festivals und kulturelle Veranstaltungen, die einer Selektion bedürfen, auch mitunter Enttäuschungen hervorrufen. Natürlich ist es legitim nachzufragen und bisweilen missmutig zu sein, hin und wieder mündet das jedoch in allzu harschen Widerreden. Auch die Diagonale selbst ist Selektion ausgesetzt, beispielsweise in Bezug auf Sponsoring- und Förderanfragen. Somit ist sie ebenfalls mit Absagen konfrontiert, die manchmal besser, manchmal schlechter zu verdauen sind. Ein professionelles Höflichkeitsniveau versucht man dennoch zu wahren. Falls dies nicht gelingt, ist zumindest eine Entschuldigung angebracht.

Höglinger: Bis zu einem gewissen Grad ist es möglich, sich auf Absagen einzustellen. Schwer abzuschätzen ist, wie man im Endeffekt dann darauf reagiert.

Photo credit: Diagonale/Stelzl

Welche Fähigkeiten habt ihr euch zusätzlich zu eurem Studium angeeignet, die wesentlich für euren jetzigen Job sind?

Schernhuber: Etwas ganz Zentrales ist die Neugierde, daraus resultierend der Enthusiasmus und die damit verbundene Begeisterung. Fehlt sie, wird man in erster Linie Jobs ohne Mehrwert annehmen. Wenn man den Anspruch an sich selbst formuliert, dass der Job glücklich machen soll, braucht es gerade diesen Enthusiasmus. Das ist, was ich aus der Zeit an der Universität mitnehmen konnte.

Höglinger: Persönlich hatte ich immer einen starken Fokus auf Text und Textproduktion. Diese Form der Auseinandersetzung mit einer Materie – beispielsweise mit Film – hilft mir, meine Gedanken zu ordnen. Zurzeit wird es stark von uns gefordert, nach der Sichtung eines Films sofort eine Antwort parat zu haben. Die Textproduktion half mir sehr, über Dinge zu reflektieren und ist mir in Hinblick auf meine gegenwärtige Tätigkeit das wertvollste Werkzeug.

Inwieweit wart ihr euch des Zeitumfangs eurer neuen Tätigkeit bewusst?

Schernhuber: Privatleben und Job sind nicht mehr gänzlich trennbar. Jedoch ist mir wichtig zu unterscheiden, was für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt ist und was nicht. Es ist eine Haltungsfrage.

Höglinger: Wir waren vor Übernahme der Intendanz bereits sieben Jahre im Team der Diagonale tätig und haben in der Zeit die Arbeit der ehemaligen Leiterin Barbara Pichler sehr intensiv begleitet. Durch den ständigen Diskurs konnten wir viel von der Dynamik des Festivals verinnerlichen und erahnen, was auf die Intendanz zukommt, welche Bedürfnisse und Erwartungen mit dieser Position verbunden sind. Zuvor leiteten wir sechs Jahre das internationale Jugendmedien-Festival YOUKI in Wels. Dadurch war es uns schon möglich, uns in der Leitung eines Festivals auszuprobieren. Das Schöne an der Festivalarbeit ist, dass sie in Wellen, sprich: zeitweise intensiver ausfällt – im Sommer haben wir dafür eine etwas ruhigere Zeit.

Wie sieht eure Terminplanung bis zum Festival aus?

Höglinger: Der Großteil der Zeit fließt bei mir momentan in Sichtungen – ich befinde mich also zurzeit hauptsächlich in dunklen Räumen. Wir haben uns die Arbeit aufgeteilt: Ich sichte mit externen Berater/innen die erste Welle an Filmen. Alle, die in Frage kommen oder Bedenken erwecken, gehen dann weiter an Peter. Wir sichten dann noch einmal gemeinsam und treffen eine Entscheidung. Es war uns wichtig einen Mehrwert daraus zu ziehen, dass wir zu zweit sind. Bis Jänner werden dann alle Entscheidungen gefällt sein, die Sichtungen werden ebenfalls vorbei sein. Danach setzen wir uns an die Programmierung, die im ersten Jahr sicher sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Ende Februar ist dann die Programmpressekonferenz, danach setzen die unmittelbaren Festivaldynamiken ein. Parallel dazu laufen zahlreiche Medienkooperationen, Sponsoring-, Förder- und Politiktermine.

Wie steht es um die Budgetsituation, die Finanzierung und Subventionierung der Diagonale?

Schernhuber: Die Diagonale wird zur einen Hälfte aus privaten, zur anderen Hälfte aus öffentlichen Geldern finanziert. Es ist Jahr für Jahr ein mühsamer Prozess bis das Budget wirklich steht. Wir haben keinen großen Schatz im Keller – die Diagonale hat eine sehr engmaschige Struktur. Viele Summen sind an Bedingungen geknüpft und obwohl wir sehr froh sind, in der öffentlichen Finanzierung viele Partner zu haben, müssen wir uns immer wieder neu rechtfertigen. Wir befinden uns momentan in einer schwierigen Zeit, in der sogar jedes stagnierende Budget als Erfolg verbucht werden muss. Zusätzlich wird es immer schwieriger, im privaten Sektor Partner zu finden – wir sind dankbar für alle, die wir halten können. Die Zeiten des großen Mäzenatentums sind vorbei. Private Investoren für Kunst und Kultur zu finden ist ein heikles und schwieriges Unterfangen, das nicht nur mit der Frage nach Kultur zusammenhängt. Die Wirtschaftskrise wird oft als Entschuldigung herangezogen, was natürlich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar ist, jedoch nicht als ausschließlicher Grund gelten kann.

Was ist bei der Diagonale 2016 zu erwarten?

Höglinger: Es wird ein sehr spannendes Jahr mit viel österreichischem Kino und zahlreichen Österreich- und Weltpremieren. Im Kern steht ganz klar der Wettbewerb – es wird viele Entdeckungen zu machen geben. Eine weitere Facette des Diagonale-Programms ist der „Jahresrückblick“: Filme, die bereits im Kino gezeigt wurden, werden teilweise wieder zu sehen sein. Abgerundet wird das Festival durch zahlreiche Spezialprogramme und es wird eine neue Schiene geben, die sich “Zur Person“ nennt. Mit ihr versuchen wir, anhand der Biografie einer für die Filmszene relevanten Person über den österreichischen Film zu reflektieren. Heuer werden wir die Reihe der Filmproduzentin Gabriele Kranzelbinder widmen.

Schernbuber: Gabriele Kranzelbinder ist eine Produzentin, die immer sehr nahe an der Popkultur gearbeitet hat. Sie ist unter anderem für ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Thomas Woschitz von „Bad Luck“ und mit der Band „Naked Lunch“ bekannt.

Höglinger: Weiters wird es noch eine international besetzte Konferenz im Rahmen der Diagonale geben, die sich heuer mit Gender- und Diversityfragen beschäftigt.

Welchen Ratschlag würdet ihr jungen Leuten geben, die einen ähnlichen Karrierelauf anstreben?

Höglinger: Dinge einfach zu versuchen.

Schernhuber: Wenn man mit dem Studium fertig ist und Pläne für das Leben gemacht hat, kann man diese ruhig mit Selbstbewusstsein angehen, auch wenn es einem die Umgebung nicht immer leicht machen wird.

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