Das Verschwinden der Gatekeeper

Traditionelle Medien verlieren immer mehr ihre Rolle als Entscheidungsträgerinnen, was denn nun öffentlich kommuniziert wird. Das birgt mediendemokratisch Vorteile, aber auch große Gefahren.

Es ist ein Teufelskreis, in dem sich die Medien befinden: zum einen sinkende Einnahmezahlen, die Sparmaßnahmen und Qualitätsverlust verursachen, zum anderen die schier unüberblickbare Konkurrenz, die mit dem Web 2.0 entstand und klassischen Medien den Rang als primäre Informationsquelle streitig macht. Jede_r kann heute „Medien machen“, egal ob Youtube-Channel, Facebook-Page, oder die eigene Website für 30 Euro im Jahr. All dies führt dazu, dass die alte Garde der Branche ein wesentliches Merkmal – nämlich die Gatekeeper-Funktion – verliert.

Diese Funktion ist ein Grundprinzip der Massenmedien und erfüllt die Rolle der Informationsfilterung, also was aufgrund von Wichtigkeit, Belegbarkeit und ethischer Prinzipien auch tatsächlich in den Medien landen soll. Ehrenkodizes und Presseräte sollen dafür sorgen, dass Berichterstattungen sauber recherchiert sind, frei von äußeren Einwirkungen (seitens der Politik, der Wirtschaft) stattfinden, und auch keine Rechtsverstöße, wie Persönlichkeitsverletzung, Hetze oder Pietätlosigkeit, darstellen. Ob diese Grundlagen immer so genau genommen werden, kann sicherlich kritisch hinterfragt werden. Es gibt genügend Beispiele, in denen diese Sorgfaltspflicht vernachlässigt wurde oder die saubere Trennung zwischen Medien und anderen Institutionen nicht funktioniert. Betrachtet man beispielsweise die Verflechtungen zwischen Politik und diversen Medien, so kann der Aufbruch der Gatekeeper als große Chance der Mediendemokratie gesehen werden.

Chancen

Das Web 2.0 gibt auch kleinen Plattformen die Chance, mit gutem journalistischen Inhalt zu überzeugen. Klassische und kostenintensive Vertriebswege fallen weg, mit viralen Mechanismen können News in kürzester Zeit ein weltweites Publikum erreichen. Etwaige unangenehme und durch Intervention in klassischen Medien vorbehaltene Inhalte können dadurch ebenso ans Tageslicht kommen. Das beste Beispiel hierfür bietet wohl Wikileaks, eine investigative Plattform, die seit 2006 heikle Informationen der Öffentlichkeit zugänglich macht und einiges an Staub aufwirbelte. Der Versuch, die Verbreitung zu stoppen, scheiterte kläglich – die Enthüllungen gingen um die ganze Welt. Wikileaks zeigt hier stellvertretend ein neues Level an Mediendemokratie auf, das der Gesellschaft eine stärkere Kontrolle über andere Institutionen ermöglichen kann. Ähnlich verhält es sich, wenn klassische Medien bewusst oder unbewusst Falschmeldungen tätigen und diese durch neue Kommunikationskanäle sukzessive aufgearbeitet werden. Die österreichische Plattform kobuk.at kann hier als Paradebeispiel genannt werden. Der „Medienwatchblog“ deckt immer wieder Falschmeldungen, Verzerrungen und Agitationen auf und leistet somit wichtige Arbeit für die österreichische Medienlandschaft.

Risiken

Doch bevor der große Jubel ausbricht, gilt es noch, die Schattenseiten aufzuzeigen, und diese sind nicht wenige. Denn es besteht die Gefahr, dass durch das Verschwinden der Gatekeeper nicht mehr sauber zwischen Recherche und Erfindung, Objektivität und Agitation, oder Journalismus und Paid Content unterschieden werden kann. Dies kann jede_r selbst feststellen – ein simpler Besuch auf sozialen Medien reicht völlig aus. Interessant ist dabei, dass große Onlineplattformen wie Facebook, Youtube oder auch Google selbst eine Art Gatekeeper darstellen, nur auf das Individuum bezogen. Die verwendeten Algorithmen selektieren vor, was für uns interessant sein könnte – dadurch ergeben sich Informationsblasen, die unser Denken und unsere Einstellungen verstärken, anstatt zumindest verschiedene Perspektiven aufzuzeigen. Und dies stellt genau das Gegenteil einer mediendemokratischen Entwicklung dar.

Während klassische Medien einer Offenlegungspflicht unterliegen und Verstöße gegen Leitlinien und Gesetze sehr wohl zu Strafen führen können, sind diese Mechanismen im Online-Bereich nahezu außer Kraft gesetzt. Es ist oft schwer festzustellen, wem eine Page, ein Channel oder eine Website gehört, wie diese Kanäle finanziert werden und ob seriös und mit Sorgfalt gearbeitet wird. Hier mag vielleicht als erstes das Beispiel der Aluhut-Verschwörungsseite in den Gedanken auftauchen, tatsächlich ist das Problem jedoch weit subtiler. Politische Parteien nutzen beispielsweise längst derartige Plattformen, um auf unterschwellige Art und Weise Agenda Setting für eigene Interessen zu betreiben. Mit klassischen Arbeiterzeitungen und Volksblättern, die zumindest über eine Offenlegung verfügen, hat dies nicht mehr viel zu tun. Hier mag der berechtigte Einwand kommen, dass dies bei klassischen Medien doch genauso der Fall sei, dass Agenda Setting und Einflussnahme betrieben wird, und das mag auch durchaus stimmen. Aber es ist ein Unterschied, ob Medien mit einem gewissen Leitbild im Hinterkopf publiziert werden (wirtschaftsliberal, pro-EU, christlich etc.), oder ob tatsächlich Marketing, Ideologieverbreitung oder politische Färbung das alleinige Ziel der Verbreitung sind.

Ausblick

Ein Verschwinden der klassischen Gatekeeper birgt Chancen, aber auch eine Menge an Risiken – und wir sehen gerade jetzt, was Falschmeldungen und politische Agitation anrichten können. Für den oder die Leser_in ist es auf den ersten Blick oftmals schwer abzuschätzen, ob es sich bei einer Meldung um eine seriöse Nachricht oder um reine Meinungsmache handelt. Doch es gibt klare Hinweise, die helfen. Hat eine Seite kein Impressum oder keinerlei weitere Information über Betreiber_in, Unternehmensform oder Kontaktangaben, sollte diese eher kritisch beäugt werden. Wer bei diversen Postings, Videos und Artikeln nicht gleich hochemotional reagiert, sondern kurz einmal kritisch hinterfragt, ob eine derartige Meldung wirklich vorstellbar ist, hat schon einen großen Schritt in Richtung eines reflektierten Informationskonsums getan.

Die Chance der Umsetzung einer erhöhten Mediendemokratie wird mit der kritischen Reflexionsfähigkeit einer Gesellschaft Hand in Hand gehen. Lässt sich ein Großteil der Gesellschaft auf eine unreflektierte Herangehensweise ein, wird die mediale Situation in Zukunft wohl eher schlimmer werden und der Verlust der Gatekeeper kann drastische Konsequenzen nach sich ziehen. Sind wir jedoch bereit, in unseren kritischen Blick zu investieren, und Inhalte nach Fakten, Einflussnahme und Wahrheitsgehalt abzuchecken, dann wird sich sowohl die mediale Szene, als auch unsere Gesellschaft selbst erheblich weiter entwickeln. Das kostet Energie, ist es aber Wert.

Dorfers Donnerstalk – Wie tickt Österreich?

Autor: Gunnar Knaus
Erschienen in der Print Ausgabe 3 2015/16, S. 6f