„Schwules Blut“?

Homosexuelle Männer* sind vom Blutspenden ausgeschlossen. Berechtigt oder Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung? 

Autor_innen: Antonia Wieland (Sportreferat ÖH Uni Graz), Philipp R. Schmidt und Raphael Rainer (Queer-Referate Graz)

Wir schreiben das Jahr 1492: Columbus entdeckt Amerika, da Vinci malt den „Vitruvianischen Menschen“ und für die Gesundheit des damaligen Papstes, Innozenz VIII, müssen drei Knaben ihr Leben lassen. Dem gesundheitlich angeschlagenen Papst wurde das Blut der Dreien verabreicht, um eine körperliche Verjüngung herbeizuführen. Drei tote Kinder und ein toter Papst sprachen für sich. Ohne diesen schrecklichen Vorfall wäre die Menschheit womöglich nicht auf die Idee gekommen, Blut zu transfundieren. Um Menschenleben zu schützen, wurde unter anderem bis ins 19. Jahrhundert größtenteils mit Tierblut experimentiert. Aus heutiger Sicht kann man sich vorstellen, dass diese Methode keine zufriedenstellenden Ergebnisse lieferte. Dank dem Österreicher Karl Landsteiner wurde ab Beginn des 20. Jahrhunderts das „AB0-System“ relevant, welches Blut in verschiedene Kategorien einteilt, die nicht vermischt werden dürfen. Das Verfahren an sich, bei dem Blut von Schlagader zu Schlagader direkt übertragen wurde, blieb trotzdem sehr aufwändig. Blutspenden, wie wir es heute kennen, wurde im Zweiten Weltkrieges entwickelt.

Ein Sprung in die heutige Realität: Aktuelle Zahlen zeigen, dass 2015 rund 350.000 Blutkonserven von rund 230.000 Freiwilligen in Österreich gespendet wurden. Was allerdings nicht zu unserer heutigen Zeit passt, ist, dass sich unter allen Spenden keine Konserve eines homosexuellen Mannes befindet.  Der Grund dafür liegt in der österreichischen Gesetzgebung, die vorschreibt, dass Männer, die irgendwann in ihrem Leben nach 1977, sexuellen Kontakt mit einem anderen Mann hatten, als Risikogruppe zur Gänze ausgeschlossen werden.  Dies ist weder von der Zeit noch von der Art des Kontakts abhängig. Hatte also ein Jugendlicher im Alter von 16 Jahren sexuellen Kontakt zu einem Mann, dürfte jener auch im Alter von 60 Jahren kein Blut spenden. Das Rote Kreuz ignoriert den Umstand, dass durch das Gesetz eine nur potentielle Risikogruppe komplett ausgeschlossen wird und nutzt somit den Graubereich in der Gesetzgebung aus. Absurderweise werden seit Jahren in monogamen Beziehungen lebende homosexuelle Männer auch von der Spende ausgeschlossen, jedoch führt Risikoverhalten bei heterosexuellen Personen nicht zu einem Ausschluss.

Pixabay

Ein Beispiel zur Verdeutlichung dieser Diskriminierung:

Eine Frau mittleren Alters meldet sich für eine Blutspende beim Roten Kreuz. Im Zuge des ärztlichen Gesprächs stellt sich heraus, dass ihr Ehemann vor 25 Jahren mit seinem damaligen besten Freund gemeinsam onaniert hat. Sie wird vom Roten Kreuz abgewiesen, da die soeben geschilderte Situation einen lebenslangen Ausschluss vom Blutspenden für beide Eheleute bedeutet. Der nächste potentielle Spender ist ein Mann mittleren Alters. Dieser hatte einmaligen ungeschützten Geschlechtsverkehr, was er im ärztlichen Gespräch auch mitteilt. Der Spender wird, da er sämtliche Anforderungen erfüllt, zur Spende zugelassen, obwohl der Risikokontakt innerhalb des serodiagnostischen Fensters (Zeitpunkt der Infektion bis zum Zeitpunkt der Nachweisbarkeit im Blut) stattgefunden hat.  Diese durchaus alltäglichen Situationen zeigen, dass hier nicht nur Diskriminierung durch den generellen Ausschluss homosexueller Männer betrieben wird, sondern auch, dass die Empfänger_innen einem gewissen Risiko ausgesetzt werden, da hier kein Risikoverhalten außerhalb des MSM-Bereichs (= Männer, die Sex mit Männern hatten) ausgeschlossen wird. Zu dieser Thematik wurden von verschieden Stellen Kommentare erbeten.

 „Zu diesen Risikogruppen zählen zum Beispiel […] auch Männer, die Sex mit Männern haben (kurz MSM). Der Ausschluss erfolgt allein aufgrund medizinischer Kriterien, nicht aufgrund gesellschaftspolitischer und hat am Beispiel MSM nichts mit Homophobie zu tun. Ziel ist und muss es sein, den Empfängern die höchstmögliche Sicherheit zu bieten.“ – Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband Steiermark, 2016

Aus diesem Statement geht hervor, dass Männer, die Sex mit Männern haben, pauschal vom Blutspenden ausgeschlossen werden. Dies betrifft auch Männer, die durch ihren Lebensstil definitiv kein Risikoverhalten an den Tag legen. Dazu zählt auch jeder homosexuelle Mann, der bereits seit Jahren in einer monogamen Beziehung lebt oder dessen letzter Sexualkontakt zu einem Mann definitiv länger her ist, als die Inkubationszeit. Diese Personen auszuschließen bietet keine Erhöhung der Sicherheit, jedoch eine Verminderung der potentiellen Blutspender_innen. Dies bietet Raum für eine kritische Hinterfragung dieser Richtlinien.

Das Rote Kreuz muss Blutkonserven zukaufen

Trotz der Tatsache, dass im Vorjahr 350.000 Blutkonserven generiert werden konnten, musste das Rote Kreuz Blutkonserven kaufen, wobei auch Länder ohne pauschalen Ausschluss von MSM herangezogen wurden und verabreichte diese an Patient_innen. Ironischerweise erfolgte die einzige HIV-Übertragung durch die Spende einer Frau, die sich im Zuge eines heterosexuellen Kontakts infiziert hatte. Und obwohl nur 0,7 Prozent der homosexuellen Männer weltweit HIV-positiv sind, werden in Österreich dennoch sämtliche MSM-Personen vom Blutspenden ausgeschlossen. Außerdem widerlegt das RKL (Rechtkomitee Lambda) den Irrglauben, dass es in Ländern, die MSM nicht generell ausschließen, zu höheren Infektionsraten kommt, als in Österreich.

Also muss man sich fragen, warum Blut aus dem Ausland teuer eingekauft wird, während hierzulande unsachgemäß Menschen von einer Spende ausgeschlossen werden. Denn gerade heutzutage, wo Zivilcourage stetig abnimmt, sollten keine Menschen, die spenden wollen, pauschal ausgeschlossen werden, wenn es keinen medizinischen Grund dafür gibt.

„Wodurch definiert sich das Risiko sich mit HIV anzustecken? Einerseits durch ein Risikoverhalten, z.B. Analverkehr ohne Kondom und andererseits durch die Person, mit der man Sex hatte und die HIV-infiziert ist bzw. sein könnte. […] Ein Kondom schützt zuverlässig vor einer HIV-Infektion, dies gilt für gleichgeschlechtliche Kontakte genauso, wie für heterosexuelle. So gesehen müsste die Frage vielleicht lauten: „Haben oder hatten sie in den letzten drei Monaten ungeschützten Sex mit einer Person, deren HIV-Status Sie nicht kennen bzw. die HIV-positiv ist?“ Der Ausschluss bestimmter Gruppen suggeriert nur eine trügerische Sicherheit. Denn, so würde man meinen, wenn man mit keiner Person aus einer sogenannten Risikogruppe Sex hätte, könne man sich auch nicht mit HIV infizieren. […] Menschen in monogamen Paarbeziehungen mit geklärtem HIV-negativem Status setzen sich auch bei ungeschütztem Sex überhaupt keinem Infektionsrisiko aus. […] Die Sicherheit von Blutkonserven kann daher nicht durch den Ausschluss bestimmter Gruppen gewährleistet werden, sondern muss vielmehr an der Risikowahrnehmung des Spenders/der Spenderin ansetzten. […] Fragen, die das sexuelle Risiko betreffen, sollten so formuliert sein, dass sich alle Personen aufgefordert fühlen (nicht nur Homosexuelle) das eigene Sexualverhalten zu reflektieren, ein eventuelles Risiko zu erkennen, um so mit gutem Gewissen die Entscheidung treffen zu können, die Spende frei zu geben oder nicht.“Aids-Hilfe Steiermark, 2016

Man kann der Aids-Hilfe Steiermark hier nur beipflichten, da ihre Aussagen den Alltag widerspiegeln. Der Grund für diesen generellen Ausschluss ist bis heute noch fraglich. Daher hoffen wir, dass man in eine Zukunft blicken kann, in der „schwules Blut“ nicht systematisch ausgeschlossen wird.

*Es sollen sich in diesem Artikel alle Männer angesprochen fühlen, egal ob CIS-Männer, Trans-Männer, etc.