Von Hoaxes, Hass und Halbwahrheiten

Autorin: Ricarda Opis

In was für einer Welt leben wir bloß? Flüchtlinge bekommen vom Grazer Sozialamt Gutscheine für Gratis-Bordellbesuche, plündern Supermärkte, vergewaltigen Polizistinnen und bekommen zu allem Überfluss auch noch von der Caritas Smartphones geschenkt. Woher man das weiß? Naja, gestern hat da wer auf Facebook so ein Meme geteilt.

Nichts von all dem ist wahr. Viele der oben genannten Fälle sind auf der Hoaxmap zu finden, einer interaktiven Karte, wo Social Media-Gerüchte mit Ort und Datum ihres Auftauchens markiert werden. An die Markierung angefügt ist immer die Widerlegung des Gerüchts –  das sind meist gut ausrecherchierte Artikel oder Stellungnahmen der Polizei, in denen klargestellt wird, dass sich diese Vorfälle nie zugetragen haben.

Beschäftigt man sich etwas länger mit der Hoaxmap, fällt auf, dass die meisten vermerkten Gerüchte bloß Variationen der immer gleichen Geschichten sind. Gerüchte über Bordell-Freikarten gibt es zum Beispiel nicht nur in Graz, sondern auch in Hamburg, Flensburg und Bayern. Diese Karten gibt es wirklich – allerdings sind es Scherzartikel, die sich vermutlich auf Geburtstagen oder Polterabenden großer Beliebtheit erfreuen und schon seit Jahren erhältlich sind. Werden sie allerdings aus dem Kontext gerissen und mit einem Verweis auf Flüchtlinge auf Facebook gestellt, steht einer steilen Karriere als Social Media-Aufreger nichts mehr im Weg. Ähnlich verhält es sich mit „Supermarkt-Plünderungen“ und den Gratishandys – auch diese Geschichten tauchen in verschiedenen Versionen an mehreren Orten auf. Wahlweise steht die Bösartigkeit der Flüchtlinge oder die der Regierung im Mittelpunkt: Entweder „die Flüchtlinge überrennen den Supermarkt und rauben ihn aus“ oder „sie bekommen von der Regierung heimlich alles geschenkt“.

Auch Graz ist auf der Hoaxmap vertreten

Auch wenn Gerüchte rund um das Thema Zuwanderung in letzter Zeit besonders häufig auftreten, bringt die Internet-Gerüchteküche auch genügend andere Geschichten hervor. Evergreens unter den Falschmeldungen sind Warnungen vor Diebesbanden, die GPS in Schmuckstücken verarbeiten und deren arglosen Käufer_innen bis nach Hause folgen, Berichte von versuchten Kindesentführungen oder von AIDS-verseuchten Nadeln, die beispielsweise in Bussen versteckt werden, damit sich Unschuldige anstecken. Diese Gerüchte werden alle paar Jahre neu aufgewärmt und verbreiten sich schnell quer durch alle Newsfeeds und Timelines.

Das Problem mit Online-Gerüchten ist, dass sie so schwierig zu widerlegen sind. Meist treffen die Geschichten einen Nerv und bleiben nahe an der Realität – sie könnten alle wahr sein. Es ist auch möglich, dass wirklich einmal etwas Ähnliches passiert ist und die Geschichten durch mündliche Weitergabe immer weiter ausgeschmückt und verdreht worden sind, bevor sie dann schließlich im Internet landeten. Andere entstehen wie aus dem Nichts. Und selbst wenn sie durch offizielle Dementi oder aufwendige Fact-Checks widerlegt werden, wer weiß, ob diese Widerlegungen auch die Leute erreichen, die von dem Gerücht gehört und es weiterverbreitet haben? Es liegt in der Natur der Facebook-Algorithmen, dass sie sogenannte Echokammern entstehen lassen: Sie merken sich, was einem gefällt, und lassen mehr ähnliche Inhalte in der eigenen Timeline erscheinen. So bekommt man immer nur Inhalte zu sehen, die zur eigenen Meinung passen und einen darin bestätigen. Je länger man auf Facebook unterwegs ist, desto dichter werden die Wände dieser „Bubble“: Abweichende Meinungen haben keinen Platz mehr am eigenen virtuellen Horizont. Und selbst wenn eine Richtigstellung zu einem vordringt, heißt das noch lange nicht, dass man sie auch glaubt. In Zeiten der „Lügenpresse“ halten viele Leute nichts mehr für wahr, das von offiziellen Stellen kommt. Häufig werden mögliche Widerlegungen gleich im Vorhinein in das Gerücht mithineingenommen und entkräftet: Dieses und jenes ist passiert, aber die Politik leugnet es, die Polizei wird zum Schweigen gezwungen, die Zeitungen berichten nicht darüber. Und wer, der gedankenverloren auf „Gefällt mir“ klickt, macht sich auch die Mühe, das Gerücht selbst auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen?

Social Media-Gerüchte beeinflussen uns mehr als uns bewusst ist. Sie verändern und formen unsere Wahrnehmung der Realität. Und gerade deshalb lohnt es sich, sie von Zeit zu Zeit zu hinterfragen. Hab‘ ich zumindest auf Facebook gelesen.