„Das Leben ist lebensgefährlich“

XandiR hat Panikattacken. Sie schläft schlecht und ihre Hände sind immer schweißnass. Sie untersucht alles an ihrem Körper, angefangen beim kleinsten Huster. Ihre Gedanken kreisen den ganzen Tag nur darum, ob sie an Lungenkrebs erkrankt ist. Und darum, dass sie sich nicht traut, deswegen zum Arzt zu gehen. Vergangenen Sommer erlitt ihre Mutter einen Schlaganfall. Seitdem hat sie Angst, selbst schwer krank zu sein.

Autorin: Christina Rebhahn-Roither

„Das ist ganz typisch“, sagt HR DR.in Eva Egger-Zeidner, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle, und meint damit, dass viele Hypochonder von ähnlichen Vorfällen berichten. Dass sie so viele intime Details über die ängstliche Frau erfährt liegt daran, dass diese ihre Sorgen unter dem Usernamen XandiR in einem Online-Forum zum Thema „Angst vor Krankheiten“ geteilt hat.

Hypochondrie ist eine medizinisch anerkannte psychische Störung, die im Alltag oft ins Lächerliche gezogen und als Aufmerksamkeitsheuchelei abgestempelt wird. Tatsächlich ist die Krankheit, wenn sie stark ausgeprägt ist, alles andere als lächerlich. Die Betroffenen leiden oft genauso unter der Belastung wie ihre Angehörigen. XandiR ist Egger-Zeidner zufolge repräsentativ für viele Betroffene. Die Leiterin der Beratungsstelle ist klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin sowie ausgebildete Psychotherapeutin und erklärt welche Fakten auf viele Hypochonder zutreffen: Schon der Auslöser von XandiRs Krankheit, also der Schlaganfall der Mutter, ist kein Einzelfall. Oft sind es Erkrankungen anderer Personen, die die Hypochondrie auslösen. Die Angst, überhaupt zum Arzt zu gehen ist ebenso ein häufiges Phänomen, genau wie die Krebsvermutung, die unter den Betroffenen sehr populär ist. Das hat mehrere Gründe: Erstens sind die Symptome einer Krebserkrankung diffus oder oft gar nicht vorhanden. Außerdem wird die Krankheit oft erst erkannt, wenn der Tumor schon gestreut hat und eine Heilung unwahrscheinlich ist.

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Wer sich mit Hypochondrie befassen möchte, muss zuallererst wissen, wo die Grenze zwischen gesunder Körperbeobachtung und Hypochondrie liegt. So wichtig diese Frage ist, so schwer ist sie allerdings zu beantworten. „Angst ist ja eigentlich etwas Normales. Wir alle brauchen Angst“, erläutert die Psychotherapeutin. Kritisch wird es dann, wenn Symptome übertrieben pessimistisch interpretiert werden und nur eine schlimme, oft lebensbedrohliche Krankheit als Auslöser in Betracht gezogen wird – „Katastrophisierung“ nennt Egger-Zeidner das.

Ein bekanntes Phänomen unter Medizinstudent_innen, das an Hypochondrie erinnert, ist „morbus clinicus“. Damit ist der Effekt gemeint, dass die Studierenden oft glauben, an den Krankheiten zu leiden, die gerade im Studium behandelt werden. Hier handelt es sich jedoch nicht um eine typische hypochondrische Reaktion. „Die können das auch wieder loslassen“, ist der Kommentar der klinischen Psychologin dazu. Es handelt sich hier nur um Ansätze der Krankheitsangst, die zeigen, dass Menschen grundsätzlich anfällig für so etwas sein können. Denn wie schon erwähnt, ist Angst eine normale und wichtige menschliche Empfindung. Der Schritt zur Hypochondrie besteht dann darin, diese Angst nicht mehr loslassen zu können, was hier nicht der Fall ist.

Doctor Shopping

Wie auch XandiR in ihrem Beitrag erwähnt, ist ein Arztbesuch für die betroffenen Personen oft ein schwieriger Schritt: „Zum Lungenröntgen kann ich vor lauter Angst nicht gehen.“ Das deckt sich nicht mit der landläufigen Meinung, dass Hypochonder doch andauernd im Wartezimmer einer Praxis sitzen. Tatsächlich ist der Weg dort hin oft eine Überwindung, da erwartet wird, dass sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten. Nach dem Arztbesuch folgt dann eine kurze Entspannung. Egger-Zeidner vergleicht das mit Prüfungsnervosität: „Es ist wie wenn man sich bei einer Prüfung abmeldet“. Für kurze Zeit ist die Sache erledigt, das eigentliche Problem aber nicht gelöst und bald fängt alles von vorne an. Dazu kommt, dass Personen mit Krankheitsangst durchaus merken, dass Ärzt_innen manchmal genervt sind von den ständigen Untersuchungen. Dadurch und durch die Ungläubigkeit, dass wirklich alles in Ordnung sei, kommt es bei manchen Betroffenen zu einem sehr häufigen Arztwechsel, auch bekannt als „Doctor Shopping“.

Morbus Google

Hypochondrie ist keine erst kürzlich auftretende psychische Krankheit. Schon im 17. Jahrhundert wird Molières Stück „Der eingebildete Kranke“ uraufgeführt. Doch in der heutigen Zeit ist ein weiterer Aspekt nicht zu vernachlässigen – das Internet. Man spricht auch von „Cyberchondrie“. Durch die schier unendlichen Recherchemöglichkeiten erweitert das Internet die Krankheitsmöglichkeiten noch. Die Ängste werden vervielfältigt und die Betroffenen entdecken neue Krankheiten, die auch auf ihre Symptome zutreffen. Egger-Zeidner sieht diese Entwicklung als großes Problem. „Wenn ein Internetforum differenziert ist, ist es vielleicht sogar ganz hilfreich. Aber das Problem ist immer, zu unterscheiden was gute Information ist und was keine gute Information ist. Googeln dagegen wirkt sicher nicht beruhigend.“

Der erste Suchtreffer lässt schon nichts Gutes verheißen

Was tun?

Hypochondrie ist keine unheilbare Krankheit. Mit gezielten Behandlungsmethoden wie einer kognitiven Verhaltenstherapie und wenn nötig auch dem Einsatz von Psychopharmaka lässt sich das Problem oft gut in den Griff bekommen. Der erste wichtige Schritt ist laut Egger-Zeidner das Eingeständnis, dass man vielleicht an einer psychischen Krankheit leidet und gar nicht an einer physischen. Oft bleibt nach einer erfolgreichen Therapie ein gewisser Schwachpunkt. Mit kritischen Situationen kann man aber lernen umzugehen und auch auf die Therapie zurückgreifen. Ohne professionelle Beratung gestaltet es sich jedoch oft schwierig, gegen die eigene Hypochondrie vorzugehen. „Das Problem ist, dass man Gedanken so schlecht stoppen kann“, so die Leiterin der Beratungsstelle.

Trotz zahlreicher verschiedener Ausprägungen, lässt sich die Hypochondrie eigentlich ganz einfach beschreiben. Die Betroffenen wollen keine Aufmerksamkeit oder krank sein, betont die Psychotherapeutin. Sie genieren sich oft sogar dafür. Was sie anstreben, ist die totale Sicherheit. Das ist alles. So simpel der Wunsch klingt, so unmöglich ist er jedoch und daraus nährt sich die Angst, die nach und nach zur Hypochondrie heranwächst. Doch niemand kann hundertprozentige Sicherheit garantieren, schmunzelt Egger-Zeider: „Das Leben ist immer lebensgefährlich!“