Jobperspektiven? Believe in facts

Orchideenfächer sind die studierbare Arbeitslosigkeit – so sagen es zumindest viele. Doch das stimmt nicht und das wird es auch in Zukunft nicht. Über gefühlte Wahrheiten und reale Fakten am Arbeitsmarkt.

Autor: Gunnar Knaus in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsreferat der ÖH Uni Graz

Excellence-Messe an der Uni G raz Credit: Gunnar Knaus

Wer vor ein paar Wochen bei der Excellence Messe der Uni Graz dabei war, durchlebte wohl eine von zwei möglichen Gefühlswelten: Himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Studierende mit wirtschaftlichem oder juristischem Background dürften ob der zahleichen Kanzleien und Unternehmen wohl mit einem guten Gefühl durch die Hauptuni geschlendert sein. Für Studierende der Gewi- oder Theo-Fakultät war es wohl eher ein Schaubild dessen, was einem von allen Seiten gerne eingetrichtert wird: „Studier’ was Gescheites, mit einem Orchideenfach findest du ja eh keinen Job“.

Die Realität sieht anders aus


Aber ist das wirklich so?  Die Antwort ist ein klares Nein. Es handelt sich dabei um ein reines Klischee, das leider sehr weit verbreitet ist. Dieses lässt sich auch anhand von regelmäßig erhobenen Statistiken problemlos entkräften. Beispielsweise jene der Arbeitslosenquote von Akademiker_innen, die im Oktober 2016 bei 3,7% lag. Wer jetzt einen geistigen Kurzschluss hinlegen will und sagt, dass gerade unter den Arbeitslosen viele „Orchideen“ zu finden sein, der irrt. Betrachtet man die ganze Sache nach Studienrichtung, so zeigt sich laut AMS, dass gerade bei  Absolvent_innen der Rechtswissenschaften (1.275) und der Betriebswirtschaft (1.753) nominell am meisten arbeitslos gemeldete Personen zu finden sind (prozentual kumuliert ca. 17%).  Auch wenn das keine klaren Rückschlüsse auf Dauer der Arbeitslosigkeit oder vergangene Zeit seit der Studienabsolvierung zulässt, ist es wohl dennoch im ersten Moment erstaunlich, dass ausgerechnet diese beiden Studien die höchsten Zahlen aufweisen.

Woran liegt es also, dass die gefühlte Wahrheit in puncto Studium und Arbeitsmarkt so dermaßen von der Realität abweicht? Die Antwort liegt in einer Mixtur aus subjektiver Wahrnehmung und Wertschätzung, veralteten Arbeitsmarktvorstellungen, sowie messbaren Parametern hinsichtlich der Dauer der Jobsuche und Ausbildungsdäquanz in der Arbeit. Beginnen wir zunächst mit den Fakten.

Jobsuche und Adäquanz


Die Universität Wien führt seit mehreren Jahren ein sogenanntes „AbsolventInnen Tracking“ durch, welches die Arbeitsmarktintegration und die Erwerbskarrieren ihrer Absolvent_innen systematisch untersucht. Ein Parameter dabei ist die Dauer bis zur Erstbeschäftigung nach Studienabschluss. Während sich für die Gesamtzahl der Absolvent_innen eine Durchschnittsdauer von 2,4 Monaten ergibt, kann diese bei Studien mit unklarem Berufsbild oft erheblich steigen. So suchen Philosophie-Absolvent_innen für ihre Erstbeschäftigung im Durchschnitt etwa 4,2 Monate, während beispielsweise jene mit abgeschlossenem Studium der Betriebswirtschaft im Schnitt nur 1,8 Monate benötigen.

Die Suchdauer hängt auch mit einer weiteren Kategorie zusammen, nämlich jener der Ausbildungsadäquanz. Das bedeutet, dass es bei vielen der sogenannten „Orchideenfächer“ oft keine klaren Berufsbilder gibt. In der Soziologie sind beispielsweise nur etwa 50 Prozent der Absolvent_innen in einem Job beschäftigt, der auch ihrer Ausbildung entspricht. Während bei Studien mit besserer Aussicht auf einen Job oft klarere Vorstellungen herrschen, ist genau dieser Mangel oft für Unverständnis und eine erschwerte Suche verantwortlich. Doch genau dies scheint rückläufig zu sein.

Veränderungen am Arbeitsmarkt


Es zeigt sich seit einiger Zeit, dass Erwerbsbiographien nicht mehr dem klassischen Muster entsprechen. Soft-Skills und die Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszusehen, fließen immer stärker in Stellenausschreibungen ein. Den einen, gleichen Job ein Leben lang zu machen, ist eine Geschichte aus vergangenen Tagen. Flexibilität wird zur großen Tugend, das Weiterbilden, Neuausrichten der eigenen Fähigkeiten zum Alltag in der Jobbranche. Das Studium als alleiniger Einstiegsfaktor für den Job verliert nach und nach an Boden. Es sind oft genau diese veralteten Vorstellungen in puncto Jobmarkt, welche die Legitimation eines Studiums mit unklarem Berufsbild erschweren.  Doch die veränderten Anforderungen am Arbeitsmarkt sollten genau jenen Studierenden Mut machen.

Es ist sicher auch zukünftig so, dass sich für Studierende von Richtungen mit unklarem Berufsfeld der Jobeinstieg heikler gestaltet. Auch wenn der Arbeitsmarkt hier Veränderungen unterzogen ist und Unternehmen vermehrt auf Skills außerhalb der reinen Ausbildung setzen. Oft dauert es eine Zeit, bis eine Stelle als adäquat erscheint.  Aber für „Orchideenfächer“ sind es vermutlich trotzdem die besten Aussichten seit langem.