Postfuck…? Post-was?!

Ein Begriff macht die Runde. Die Rede ist vom Postfaktizismus. Journalist_innen, Politiker_innen und andere Personen des öffentlichen Lebens rufen ihn immer wieder aus. Doch wovon reden die eigentlich?

Autor: Daniel Retschitzegger

Credit: Daniel Lobo, Flickr, CC BY 2.0

Bevor wir das Wort Postfaktizismus näher erläutern können, müssen wir erst einmal definieren, was es mit Fakten überhaupt auf sich hat. Fakten sind Informationen, die beispielsweise in einer Aussage verpackt sind. Fakten kann ich auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen – sie müssen belastbar sein. Halten sie stand, kann ich davon ausgehen, dass mein Stück Information der Wahrheit entspricht. Des weiteren haben sie einen klaren Ursprung – einen Sender. Das unterscheidet sie auch von Gerüchten.
Wie man aus dieser, zugegeben, sehr kurz gehaltenen Beschreibung bereits entnehmen kann, sind Fakten etwas Unangenehmes. „Factchecking“ benötigt Aufwand. Es ist mit Arbeit verbunden. Der Postfaktizismus zeichnet sich dadurch aus, dass Fakten im täglichen Diskurs immer weiter in den Hintergrund geraten und Gefühle in den Vordergrund gestellt werden. Wieso kann ein Donald Trump, der damit prahlt, Frauen in den Schritt zu greifen, trotzdem zum mächtigsten Mann der Welt gewählt werden? Aus demselben Grund, weshalb Populisten gerade weltweit Aufschwung erleben. Fakten sind unangenehm. Gefühle sind einfach und fühlen sich erst einmal richtig an. Allerdings sind sie gerne trügerisch, wie Christian Ehring in der Satiresendung extra3 treffend auf den Punkt bringt: “Wer mit 140 über die Landstraße heizt, fühlt sich dabei erst einmal gut. Bis ein Baum kommt, der ihm etwas Anderes erzählt. Rauchen fühlt sich cool an, bis zu dem Tag, an dem man seine Lunge rauskotzt.“ Im Kern ist diese Aussage richtig, auch wenn sie natürlich stark überspitzt ist. Gefühle können täuschen.

Gefühle machen Politik

Wer sich heute politische Debatten ansieht, wird merken, dass tatsächliche Inhalte nur noch nebensächlich sind. Bestimmte Aussagen, die früher ein absolutes No-Go waren, hindern einen Kandidaten heute nicht mehr daran, zum mächtigsten Mann der Welt gewählt zu werden – Stichwort: „Grab them by the pussy“.
Der Glaube, dass es in einem demokratischen Diskurs immer noch Grenzen gibt, scheint veraltet. Ein Donald Trump kann sich solche Aussagen erlauben – doch wieso eigentlich? Ein Beitrag auf theatlantic.com liefert dafür eine interessante Erklärung: „The press takes him (Anm. Trump) literally, but not seriously; his supporters take him seriously but not literally.“ Während die Presse also versucht, seine Behauptungen und Aussagen wörtlich zu analysieren, reißt Trump seine Wähler_innen auf einer emotionalen Ebene mit. Diese nehmen ihren Kandidaten allerdings ernst. Das taten viele Medien lange nicht. Das Ergebnis ist hinreichend bekannt.

Doch warum scheinen klar vorliegende Tatsachen nicht mehr zu interessieren? Das Magazin Panorama des Ersten Deutschen Fernsehens erklärt den Aufschwung der gefühlten Wahrheit in der Politik treffend in einem Beitrag: Die Rede ist von drei Phasen des Populismus, die dem Drehbuch eines klassischen Hollywood-Katastrophenfilms merkwürdig ähneln. Angst spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Zuerst wird die Katastrophe herbeigeschworen. Die Rede ist von Flüchtlingswellen, menschlicher Überflutung, Asyl-Orkanen etc. Die Faktenlage wird ausgeblendet, Flüchtlinge entmenschlicht. Danach folgt der „Untergang“. Der drohende Bürgerkrieg, ein Desaster, eine feindliche Landnahme und vieles mehr. Doch was wäre ein klassischer Hollywood-Katastrophenfilm ohne einen Helden, ohne einen Retter? Donald Trump will dieser Held sein. Ein Kandidat, der die Wahrheit verspricht. Ein Kandidat, der, wie Panorama betont, so viel wie kein anderer gelogen hat.