Was darf Satire?

Wie tief muss geschossen werden, um zu schockieren? Worüber darf man eigentlich noch lachen? Wo liegt die Grenze zwischen Humor und Beleidigung?
Autor: Stefan Schauer

Satire weist auf Missstände in unserer Gesellschaft hin und ist abhängig von zeitgebundenen kulturellen, sozialen und politischen Bewegungen. Sie arbeitet mit Überzeichnung und Verfremdung. Bereits 1919 hat Kurt Tucholsky die wohl bekannteste Definition der Satire niedergeschrieben. In “Was darf Satire?“ beschreibt er den Satiriker als gekränkten Idealisten und stellt sich dabei die Frage: „Übertreibt die Satire?“. 2016, fast hundert Jahre später, ist diese Frage immer noch brandaktuell. Ein beleidigter Sultan in der Türkei, ein narzisstischer Immobilienmogul als neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und fehlerhafter Klebstoff sorgten heuer für mediale Aufregung. Kabarettist_innen nutzen diese Pannen immer wieder, um ihren Programmen neuen Pepp zu verleihen. Doch wie weit ist die Satire noch von der Realität entfernt? Sind Satiriker_innen die besseren Journalist_innen?

Der schmale Grat

Wird die beleidigende Wirkung der Satire heutzutage verharmlost oder dürfen Kabarettist_innen und Künstler_innen alles sagen? Was zählt als Ehrenbeleidigung und was zur Kunstfreiheit? Diese Fragen stellen wir uns immer öfter. Ein sehr grenzwertiges Beispiel boten uns die zwei Moderatoren der Dienstag-Nacht Show Willkommen Österreich. Dirk Stermann und Christoph Grissemann haben sich im Jahr 2008 nach dem Tod des damaligen Landeshauptmann Jörg Haider in ihrer Sendung über ebendieses Ereignis lustig gemacht. Haider sei drei slowenischen Hirtenkindern erschienen, die er dann abgeschoben hätte. „Wenn man den ÖAMTC mal braucht, ist er nicht da“, scherzte Stermann. Während der Aufnahmen heulte Grissemann wie ein kleines Kind. Damit mimte er den damaligen Pressesprecher von Haider, Stefan Petzner nach, und stellte ihn bloß.

In den sozialen Medien waren die zwei Moderatoren einem regelrechten Shitstorm ausgesetzt. An dieser Stelle muss man erwähnen, dass Petzner damals einen fragwürdigen Wahlkampf leitete. Slogans wie „Tschetschenen raus“ oder „Wollen Sie eine endgültige Lösung der Ortstafelfrage?“ waren damals sehr umstritten. Fast zehn Jahre später sitzt Petzner in derselben Show und unterhält sich mit jenen Talkshowmastern über sein jetziges Leben. „Sie hatten ja braune Scheiße im Hirn“, meinte Grissemann über den ehemaligen Nationalratsabgeordneten des BZÖ und dieser verneint das auch nicht wirklich. Doch wie weit darf man nun wirklich gehen? Sollte der Tod nicht ausgenommen von Schmähungen solcher Art sein? Hier sollte aus moralischen Gründen eine Grenze gezogen werden, letztendlich ist die Satire jedoch durch die Kunstfreiheit geschützt.

Satire als Regimekritik

Werfen wir nun einen Blick in die Türkei. Zurzeit seien etwa 100 Journalisten_innen inhaftiert, mehr als 200 zumindest vorübergehend festgenommen worden. (Stand 31.10.2016 derstandard.at) Bei genauerer Betrachtung der heutigen Lage im Land am Bosporus fällt auf, dass Jan Böhmermann nicht ganz Unrecht hatte in Bezug auf Erdoğan. Es kann Erdoğan zwar nicht nachgewiesen werden, dass er zoophil ist oder kleine Mädchen mit Gummimasken schlägt, aber mit der Behauptung, der Sultan würde gerne Minderheiten unterdrücken, traf der ZDFneo Satiriker einen wunden Punkt des türkischen Autokraten. Der fehlgeschlagene Putsch durch das türkische Militär und die daraufhin folgenden Verhaftungen von Oppositionspolitiker_innen und regimekritischen Journalist_innen sprechen eine deutliche Sprache. Erdoğan ist Gegner der Demokratie und mit solchen sollte man nicht an einem Verhandlungstisch sitzen. Hat sich der Chef der AKP diesen Putsch zu Nutze gemacht, um seine Macht auszuweiten und zu sagen: „Ich bin unverwundbar“? Für sein Engagement kam der Satiriker sogar vor Gerich. Böhmermann überzeichnet dabei die Wirklichkeit wie kein anderer und behielt vor Gericht Recht. Am 4. Oktober 2016 gab die Staatsanwaltschaft Mainz bekannt, dass das Strafverfahren gegen Böhmermann eingestellt wurde. Die Schimpfwörter, die er benutzte, waren harsch und pervers, doch ist die Kunstfreiheit enorm wichtig in einem demokratischen Staat. Erdoğan sollte sich, nett gesagt, nicht ins Höschen machen. Ein Exempel an dem Talkshowmaster zu statuieren, wäre in diesem Fall ein Tritt in den Arsch der Demokratie.

„Ein menschenverachtendes System macht die beste Satire.“

 

Auch der österreichische Satiriker Alfred Dorfer hat mit seinen Vorlesungen auf der Uni Graz mehrmals aufhorchen lassen. Im Rahmen des Moduls „Literatur- und Theatersoziologie“ hat der Kabarettist in Zusammenarbeit mit Studierenden an der Karl Franzens-Universität die Wichtigkeit von Satire erörtert. „Je restriktiver das System, desto subtiler muss der Satiriker sein. Man kann deshalb zynisch sagen, ein menschenverachtendes System macht die beste Satire.“, sagte Dorfer. Kommt Alfred Dorfer wieder an die Uni Graz, um die Studierenden mit einer geballten Ladung Satire wachzurütteln? Für eine Stellungnahme war er leider nicht rechtzeitig zu erreichen.

Hass begegnet uns im Alltag immer wieder. Er entkeimt oft aus Neid, Eifersucht oder zurückgewiesener Liebe. Oft sind die Motive der Hassenden irrational. Ob es nun Hass in den sozialen Medien oder Xenophobie ist – Die Menschen, die diesen verbreiten, sind sich den Folgen ihrer Taten oft nicht bewusst. Deswegen ist Satire so wichtig für unsere Gesellschaft. Sie macht sich über den Hass lustig und bietet ihm Parole. Satire versucht den Keim der Überheblichkeit, der Arroganz und der Emotionslosigkeit zu ersticken. Um mit Kurt Tucholsky abzuschließen: „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.“