#Self(ie)love – Macht uns die virtuelle Selbstdarstellung kaputt?

Das wichtigste Motiv des digitalen Lebens: Das eigene Ich. Mehr als eine Million Selfies landen täglich in den sozialen Netzwerken. Rolemodels der Zeit, wie Kim Kardashian und Co., machen es auf Instagram vor und bekennen sich ganz offiziell zu ihrer „Selfie-Sucht“. Der Hashtag #selfie hat dort über 200 Millionen Beiträge. Sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen war noch nie so einfach wie heute, das Internet fungiert als virtuelle Bühne. Doch was löst der Druck, immer wieder neue Bilder und Ichs erschaffen zu müssen, in unserer Psyche aus?

Autorin: Angelika Groß

200 Selfies am Tag. Keines davon war ihm gut genug. Danny Bowman, ein Junge aus Newcastle, war 15, als er anfing seine Zeit in Selbstinszenierung zu investieren. Zehn Stunden am Tag verbrachte er mit seinem Smartphone. Das ging so weit, dass er von der Schule flog. Um das perfekte Selfie zu schießen wie sein Vorbild Leonardo Di Caprio, verließ er ganze sechs Monate lang nicht mehr sein Haus. „Als ich merkte, dass ich das vollkommene Selbstportrait nie schaffen würde, wollte ich sterben.“, sagte Bowman gegenüber der dailymail.uk. Daraufhin nahm er eine Überdosis Pillen. Seine Mutter fand ihn jedoch rechtzeitig und er überlebte.

Credit: Barbara Kinney, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Instant Happiness

Auch wenn Bowman ein Extremfall ist, die Selbstdarstellung im Netz mit all ihren Schattenseiten gibt Expert_innen weltweit Anlass zur Sorge. Ein Aspekt, der besonders auffällt: Wir präsentieren uns auf Instagram und Co. selbst fast ausschließlich und überdurchschnittlich glücklich. Wir wollen Komplimente per Klick (Likes) sammeln, möglichst viele Follower und positives Feedback. „Be happy!“ lautet die Devise. Unglücklich sein hat im Netz nur selten Platz. Auf Instagram gibt es über 300 Millionen Beiträge mit dem Hashtag #happy und mehr als 900 Millionen Fotos, die mit #love getaggt sind. Nur rund 10 Millionen Selfies und Beiträge finden wir mit den Hashtags #sad, #hate oder #ugly. Damit werden wir ständig mit vorgegaukeltem Glücklich-Sein konfrontiert, was die eigene Unzufriedenheit nicht selten befördert. Je ernster wir den Like-Zwang nehmen und uns von Zahlen bestimmen lassen, umso frustrierter und depressiver bleiben wir oft selbst zurück. Wenn wir online immer intensiver versuchen, jemand anderes zu sein, blenden wir Teile unserer Identität bewusst aus. Psychologe Martin Altmeyer etwa meint, mediale Selbstdarstellung sei zu einer Art Existenzbeweis geworden.

Instagram(m)-Diät

Auf den ersten Blick bieten uns Plattformen wie Instagram und Facebook verführerische Möglichkeiten, uns selbst perfekt in Szene zu setzen und unser Selbstwertgefühl zu steigern. Sobald sie allerdings unsere Gefühle kontrollieren und unseren Alltag bestimmen, sollten wir unser Smartphone-Verhalten ändern. Danny Bowman ist mittlerweile „Mental Health Campaigner“. Er unterstützt andere, größtenteils Jugendliche, einen nachhaltigen Weg zu finden, mit den sogenannten „sozialen“ Medien umzugehen. Und was machen wir jetzt mit unseren Selfiesticks?