Gedanken einer Psychologie-Absolventin

Hallo, mein Name ist Vera Musterfrau MSc. Der Titel am Ende – ja genau diese drei Buchstaben MSc sind es, welche mir nun sagen, dass meine Ausbildungszeit vorbei ist und ich den nächsten Schritt meiner Entwicklung einleiten kann. Zugegeben, ich bin keine Musterschülerin gewesen. Ich habe mich aber immer im guten Mittel bewegt und für meinen Abschluss viel gelernt. Nun bin ich 29 Jahre alt/jung (wie man es sehen mag) und habe die Nase voll von Gelegenheitsjobs, WG-Zimmern und Geldknappheit (trotz sehr geringer Fixkosten von nur 350€ exkl. Lebensmittel). Also auf in das gut bezahlte Berufsleben?

Autorin: Vera Klösch

Pixabay

Ich habe jetzt mal nachgerechnet: Seit meinem 15. Lebensjahr habe ich in 15 verschiedenen Aushilfsjobs gearbeitet, um mir ein extra Taschengeld zu verdienen oder mit zunehmendem Alter auch meinen Lebensunterhalt. Dazu kommen noch zwei Freiwilligenarbeiten und drei Praktika im Zuge meines Studiums, die nicht bezahlt wurden. Warum ich so viele Aushilfsjobs hatte? Geregelte Arbeitszeiten sind bei einem sich halbjährlich verändernden Stundenplan langfristig nicht haltbar (man muss wirklich Glück haben, eine Stelle zu finden, die flexibel auf Lehrveranstaltungen oder Prüfungswochen reagiert). Aber auch Unterbrechungen der Arbeit auf Grund der Praktika im Ausmaß von 40 Stunden pro Woche führten meist zu einem Wechsel der Arbeitsstelle. Mein Soll habe ich in den letzten Jahren denke ich erfüllt. Neben jeder Menge Berufserfahrung, bringe ich als Qualifikation auch noch Auslandsaufenthalte mit und spreche zwei Fremdsprachen. Und ja, auch im Ausland habe ich gearbeitet – selbstverständlich ohne dafür bezahlt zu werden.

Auslang und Praktika

In Indien besuchte ich ein Betreuungshaus für Straßenkinder, in Peru half ich bei einer Bedarfslieferung (Kleidung für den Winter) – welche auf Grund fehlender Straßen mit Eseln erfolgte. Ich half, den Kindern im Dorf Hygieneverhalten zu vermitteln und erklärte Ihnen die mitgebrachten Landkarten (sie waren sehr erstaunt, wie groß die Welt außerhalb ihres Dorfes ist). In Lima besuchte ich ebenfalls eine Kinderwohnstätte für Waisenkinder. Ich arbeitete in Peru in einer Schule mit und wusste danach zumindest, warum so viele Peruaner_innen kein Englisch sprechen können. Ich half in einer Klinik für Kinder, die Hirnschäden erlitten hatten oder mit Defiziten auf die Welt kamen. Ja, ich hatte Glück dort mitwirken zu dürfen. Ja, ich habe großartige Erfahrungen gesammelt! Ja, es war eine verdammt intensive, aber schöne Zeit! Ja, das investierte Geld war jeden Cent wert! Dass ich dafür nichts bezahlt bekam sollte mich nicht ärgern, schließlich habe ich ja ein „soziales“ Studium gewählt und als „sozialer“ Mensch schreckt man vor ein bisschen Freiwilligenarbeit nicht zurück.

Berufspraxis im Zuge eines Praktikums zu sammeln habe ich ebenfalls bei zwei der drei Stellen sehr genossen (man kann nicht jeden Bereich mögen, in dem man zu arbeiten beginnt). Ich stand in engem Kontakt mit den Klient_innen was mir sehr gefiel. Ich stand aber auch in engem Kontakt mit den anderen Mitarbeiter_innen der Organisationen und konnte selbst gut erkennen, welche Defizite ich noch habe und was ich dringend lernen muss.

Arbeitsmarkt und Zweifel

Nun stehe ich am Beginn des Berufslebens ohne laufendem Studium. Ich hoffe auf eine Voll- oder Teilzeitstelle in der Umgebung, in der ich studiert habe. Warum? Weil hier mein soziales Netzwerk ist und weil ich mich hier sehr wohl fühle. Ist doch logisch, schließlich verbrachte ich hier ein Drittel meines Lebens. Ich bin froh, dass ich nun mit dem Studium fertig bin. Es sollte mir möglich sein, einen Job zu finden, in dem ich zumindest 1500 Euro netto verdienen kann. Das wäre für den Anfang mal nicht schlecht. Habe ich dann meine finanziellen Reserven aufgefüllt (ich bin wirklich gut im Sparen!) kann ich endlich realistisch an eine meist kostenintensive Weiterbildung zur klinischen Psychologin oder Psychotherapeutin nachdenken (oder an die Anschaffung eines Autos).
Der Stellenmarkt ist leider alles andere als rosig. Nur wenige Jobs sind ausgeschrieben, die ich ohne eine Weiterbildung laut Gesetz ausüben darf. Die wenigen die es gibt lehnen mich nun häufig auf Grund mangelnder Berufserfahrung ab. Doch weshalb fehlt mir diese? Schon klar, ich habe nicht die Erfahrung in exakt diesem Bereich – schließlich habe ich noch nicht in diesem Betrieb gearbeitet. Oder sollte ich nun Zweifel an meinem Werdegang bekommen, ob ich nicht vielleicht doch noch mehr hätte arbeiten sollen? Hätte ich vielleicht doch besser in zehn verschiedenen Betrieben Praktika absolvieren sollen? Würde dies meine Situation am Arbeitsmarkt wirklich drastisch verbessern? Wie hätte ich mir jedoch bei den unbezahlten Praktika mein Leben finanzieren sollen? Habe ich vielleicht doch das Falsche studiert?

Habe ich das falsche studiert?

Nein, ich habe nicht das Falsche studiert. Mein Studium bringt mich laut Stellenbeschreibungen genau dorthin, wo ich berufstätig sein will. Auch ist das Studium unabdingbar um die Qualifikation, die benötigt wird, zu erlangen. An meiner Studienwahl möchte ich daher nicht zweifeln. Doch weshalb ist es nun so, dass ich mit dem Studium, welches bereits fünf Jahre dauert, offensichtlich für sämtliche Jobs unterqualifiziert bin? Ist es falsch, anzunehmen, dass man nach Beendigung eines Studiums einen Job bekommt und im Zuge der Ausübung die Zusatzqualifikationen erlangen kann? Weshalb benötige ich dieses Studium, wenn die Inhalte offensichtlich nicht ausreichen um mich bereit für den Arbeitsmarkt zu machen? Weshalb werden die Studieninhalte nicht so festgelegt, dass es nach Beendigung des Studiums bereits Stellen gibt, die gesetzlich ausgeübt werden dürfen – dabei rede ich natürlich von Stellen im klinisch- und gesundheitspsychologischen oder therapeutischen Kontext? Dass das Studium überlaufen ist, sollte auf Grund der Aufnahmebeschränkungen zu Beginn keine Ausrede mehr sein. Jammere ich auf hohem Niveau? Ja, ich geb’ zu, die Weiterbildung zur klinischen Psychologin erfordert Praxisstunden, welche dank gesetzlicher Regelungen mittlerweile bezahlt werden müssen. 400 Euro sind nun vorgeschrieben. Da habe ich ja Glück, dass sich meine Fixkosten auf nur 350 Euro belaufen. So bleiben mir immerhin noch 50 Euro für Kleidung und Essen – Reis schmeckt auch als Hauptspeise gut und Carla hat bessere Kleidung als man denken möchte. Dafür hat man schließlich studiert!