Interview mit einem Ghostwriter

Es ist ein vieldiskutiertes Thema, über das so gut wie jede/r zumindest schon einmal nachgedacht hat: Warum nicht jemand anderes die unliebsame Seminar- oder Bachelorarbeit schreiben lassen? Während bei den meisten der Gedanke im nächsten Moment schon wieder verfliegt, gibt es dennoch nicht wenige, die solche Dienste in Anspruch nehmen. Die Libelle hat sich mit einem Ghostwriter getroffen, um einen Einblick in diese Welt zu bekommen. Lukas (Name geändert) hat bereits mehrere Arbeiten verfasst und war bereit, uns ein wenig darüber zu erzählen.

Credit: Gunnar Knaus

Author: Gunnar Knaus

Hallo Lukas! Erzähl vielleicht für den Anfang einmal, wie man überhaupt zum Ghostwriter wird.

Lukas: Das war purer Zufall. Ich war in Deutsch immer schon ganz gut, übersehe eigentlich keine Fehler und habe öfter für Freunde etwas Korrektur gelesen. Einmal hat mir jemand etwas zum Korrigieren geschickt und das war grauslichst formuliert. Da habe ich dann relativ viel umgeschrieben. Das hat demjenigen gefallen und dann kam die Bitte, ob ich nicht gleich die ganze Arbeit schreiben könne. Der kannte dann wieder jemanden und so ging das irgendwann über ein paar Ecken. So kommst du immer zum nächsten.

Was bekommst du für deine Tätigkeiten?

Naja, es kommt darauf an, was man macht. Das letzte war eine 30-Seiten Arbeit für etwa €800,-. Im Schnitt also etwa €20–30,- pro Seite. Eigentlich ein netter Nebenverdienst.

Das ist eh nicht wenig.

Naja, es ist auch keine Arbeit die gar so viel Spaß macht. Aber so geht es anscheinend vielen, weil sonst würde mich niemand fragen, ob ich seine Arbeit schreibe. Im Normalfall setzt du dich hin und schreibst 30 Seiten. Das ist nicht die Tragik. Es ist schon interessant, dass es so viele Leute gibt, die so etwas in Anspruch nehmen. Die sagen, dass es ihnen die Zeit nicht wert ist, oder sie nicht in der Lage dazu sind. In verschiedenen Disziplinen Arbeiten zu schreiben, das kann auch nicht jeder und von dem her ist der Preis schon okay.

Kommen die Leute mit konkreten Themen zu dir?

Teils, teils. Manchmal ja, manchmal soll ich das Thema aussuchen. Aber dass jemand mit hochgradig spezifischen Wünschen kommt gibt es eigentlich nicht. Dass sich jemand eine Arbeit schreiben lassen will, ist ja ein Zeichen, dass dieser jemand den Weg des geringeren Widerstandes wählt. Jemand der wirklich ein ganz spezifisches Thema wählt, für das man Fachkenntnisse braucht, lässt sich die Arbeit nicht von irgendeinem „Dahergelaufenen“ schreiben. Bei diesen Themen merkt man auch schnell, dass sich jemand nicht auskennt. Hier geht es um Menschen, die sagen: „Ich brauche eine Abschlussarbeit oder eine Seminararbeit, weil das halt so vorgesehen ist.“

Wie gehst du bei so unterschiedlichen Gebieten in der Recherche vor?

Das Gute in der heutigen Zeit ist, dass du ja alles online finden kannst. Ich habe selbst eine ordentliche digitale Bibliothek, in der ich viel nachschauen kann. Gerade hinsichtlich Standardwerken. Dadurch ist auch das Zitieren heutzutage keine Herausforderung mehr.

Gibt es Bereiche, die schwieriger zu schreiben sind, als andere?

Das ist allgemein schwer zu sagen. Prinzipiell sind naturwissenschaftliche Sachen leichter, wenn es sich auf eine reine Literaturarbeit beschränkt. Da musst du das Rad nicht neu erfinden, sondern lediglich den neuesten Stand recherchieren. Eigene Gedanken sind da weniger gefragt.

Schwieriger sind jene, bei denen du eigene Argumentationen benötigst — zum Beispiel Philosophie oder Soziologie. Da merkt man leichter, wenn sich jemand etwas aus den Fingern saugt, was jetzt bei anderen Bereichen gar nicht notwendig ist, weil eher wiedergekaut wird. Klingt vielleicht primitiv, ist aber so.

Werbung einer Ghostwriting-Agentur auf Facebook

Wie lange brauchst du, um eine Arbeit fertig zu stellen?

Das hängt vom Thema ab, und wie sehr es mich interessiert. Wenn ich motiviert bin, dann im besten Fall etwa drei Tage — im Normalfall eine Woche. Man kann in sehr kurzer Zeit eine Bachelorarbeit schreiben, die gut benotet wird und alle Erfordernisse mitbringt. Ob das jetzt wirklich eine gute wissenschaftliche Qualität hat, ist die andere Frage. Aber die meisten Bacc- oder Seminararbeiten sind doch reine Literaturarbeiten. Da setzt du dich hin und machst das. Du brauchst nicht unbedingt ein Gesamtverständnis der Disziplin, sondern zitierst halt den neuesten Stand. Das ist nicht sonderlich schwierig.

Bachelorarbeiten sind in den meisten Fächern eine simple Angelegenheit, wenn man Ahnung vom wissenschaftlichen Arbeiten hat und diszipliniert ist, was Recherche und Zitation angeht.”

Hast du auch schon größere Arbeiten geschrieben?

Ja, einmal eine Masterarbeit. Ich hatte auch schon mehrere Angebote, aber der Aufwand ist halt schon um ein Vielfaches größer. Da trennt sich auch die Spreu vom Weizen. Bachelorarbeiten sind in den meisten Fächern eine simple Angelegenheit, wenn man Ahnung vom wissenschaftlichen Arbeiten hat und diszipliniert ist, was Recherche und Zitation angeht. Eine Master- oder Diplomarbeit hingegen ist dann schon ein Aufwand.

Wie siehst du das Ganze vom ethischen Aspekt? Du hilfst ja anderen, etwas vorzutäuschen.

Da sehe ich kein Problem.

Ist es nicht bedenklich, dass sich jemand eine Arbeit über einen Fachbereich schreiben lässt, wofür eigentlich Fachwissen benötigt wird?

Also da hoffe ich einmal stark, dass das Fachwissen nicht von irgendeiner mehrseitigen Arbeit abhängt. Das wäre ja lächerlich. Was ist das überhaupt für eine Frage nach der Ethik? Was ist denn das überhaupt wert? Die Tatsache, dass du irgend so eine Abschlussarbeit schreiben musst, was hat das überhaupt für einen Sinn oder für einen Anspruch?

Abschlussarbeiten haben den Anspruch, Kenntnisse über das Studium nachzuweisen.

Ich glaube nicht, dass jemand, der sich ein paar Jahre mit seinem Studium auseinandersetzt und alle Prüfungen schafft, schlechter in seinem Gebiet ist, weil er sich ein paar Seiten schreiben lässt.

Das sind doch meistens völlig stupide Arbeiten, bei denen du nur beweisen musst, dass du richtig zitieren und recherchieren kannst. Das macht dich fachlich überhaupt nicht besser oder schlechter. Sicher kann man sagen, dass sich jemand mit einer Leistung schmückt, die er nie erbracht hat. Aber meine Güte — wer tut das heutzutage nicht?

Wie würdest du Menschen beschreiben, die Ghostwriting in Anspruch nehmen?

Ich denke die meisten machen das, weil sie es absolut nicht ausstehen können, sich selbst hinzusetzen und etwas zu schreiben. Natürlich gibt es auch welche, die keine Zeit haben oder zu blöd dafür sind. Da sagen die meisten „Hauptsache durch“, damit die Sache erledigt ist. Es gibt allerdings auch einige, die sich das partout nicht zutrauen und Angst davor haben. Viele haben ja kaum Arbeiten in ihren Studienrichtungen geschrieben. Da liegt es auf der Hand, dass man unsicher ist.

“Diese ganzen Akademiker sind ja eitle Zeitgenossen. Dieses ständige überintellektualisieren — um Gottes Willen!”

Denkst du, dass Ghostwriting zum Teil ein hausgemachtes Problem der Hochschulen ist?

Ja, schon. Ich denke ein großes Problem ist, dass vor allem die Vortragenden oft eine große Sache draus machen. Diese ganzen Akademiker sind ja eitle Zeitgenossen. Dieses ständige überintellektualisieren — um Gottes Willen! Einem reindrücken, dass man Jahre für so eine Arbeit studieren muss und dann geh ich her und schreib sowas auf ein paar Nachmittage verteilt herunter. Und dann heißt es: „Toll geschrieben, super vielseitige Quellen und alles top zitiert.“ Da sieht man dann eh, was das ganze wert ist. Also insgesamt wird da viel heißer gekocht als gegessen.

Lukas hat die Hochschule seit einiger Zeit hinter sich gelassen und einen anderen Berufsweg eingeschlagen. Zuvor studierte er an drei verschiedenen Hochschulen in Graz, hat jedoch keines seiner Studien abgeschlossen.