Über Hochschulen und Bildungspolitik

Das Ablaufdatum von Bildungs- und Wissenschaftsminister_innen der letzten Jahrzehnte betrug im Schnitt drei Jahre. Rosemarie Kurz setzt sich seit 30 Jahren aktiv für die Interessen und Anliegen von Studierenden an der ÖH ein und hat in dieser Zeit viele bildungspolitische Diskussionen, Reformen und Sackgassen miterlebt. Wir haben mit ihr über Hochschulbildung und die ÖH gesprochen, um eine Langzeitsicht auf Dinge zu bekommen, die uns als Studierende meist nur ein paar Jahre beschäftigen.

Autor_innen: Gunnar Knaus & Johanna Wöß

credit: Johanna Wöß

Liebe Rosemarie, du setzt dich jetzt seit dreißig Jahren aktiv mit der Hochschul- und Bildungspolitik auseinander. Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Was mir dazu einfällt, ist der Bologna Prozess. Dadurch, dass man den Bachelor eingeführt hat, wurde den jungen Leuten die Möglichkeit gegeben, sich auf ein Studium einzulassen. Ein Bachelorstudium ist überschaubar und kleingehalten. Das fällt mir positiv auf.

Über Bologna wird viel diskutiert, gerade ob es eine Abwertung des Akademischen ist und ob es eine Berechtigung hat.

Mir ist aufgefallen, dass dadurch junge Leute weniger Angst haben ein Studium zu beginnen und das ist ein großartiges Entgegenkommen – wie auch immer das gesellschaftlich dann bewertet wird. Ich freu´ mich, dass viele junge Leute, die früher gesagt haben, dass ihnen ein Studium zu aufwendig ist, heute sagen: „bis zum Bachelor – das schaff ich!“

Du hast insgesamt 10 Bildungs- und Wissenschaftsminister_innen erlebt – erkennst du Kontinuitäten?

Zum einen möchte ich Hertha Firnberg – Bildungs- und Wissenschaftsministerin unter Kreisky – erwähnen: Kreisky hatte großen Respekt vor ihr und sie hat sich kein Blatt vor den Mund genommen. Sie war eine der ersten Frauen, die in der Politik wirklich etwas zu sagen hatten. Sie hat mit Vehemenz Dinge in der Politik angepackt – vor allem für Frauen, die davor niemand angegriffen hat und die zum Teil auch wieder von der Landkarte der Bildung verschwunden sind. Zum Beispiel die Möglichkeit der Gasthörerschaft beziehungsweise als außerordentliche Hörer_in Vorlesungen zu besuchen, egal ob Hochschulreife vorhanden ist, oder nicht. Das war eine großartige Sache. Bis 2002 gab es diese Möglichkeit, dann wurde sie durch ein neues Universitätsgesetz abgeschafft. Dieses Gesetz wurde im Sommer lanciert. Es ist ein üblicher Termin, um kontroverse Gesetze zu beschließen, weil man davon ausgehen kann, dass sich der zu erwartende Aufschrei in Grenzen hält. (Anm. der Redaktion: Genau das gleiche ist 2016 bei der Kürzung der Wohnbeihilfe passiert)
Als Antwort auf diese – für mich infame – Bildungspolitik, habe ich damals die Montagsakademie über die ÖH Uni Graz gegründet, die inzwischen von der Uni übernommen wurde.

Findest du erfüllt die ÖH ihre Rolle als gesetzliche Vertretung der Studierenden?

Soweit es für mich erkennbar ist, ja. Die ÖH macht Begutachtungen, schaut sich Gesetze an. Jede Studienrichtung entsendet Personen in verschiedene Gremien und Kommissionen, die Prozesse an der Uni mitgestalten, sei es die Begutachtung von Studienplänen oder die Mitsprache bei der Vergabe von Professuren. Aber rein gefühlsmäßig würde ich sagen, dass da sehr viel mehr Hintergrundwissen hineinkommen muss, damit diese jungen Leute, die in oft schwierige Verhandlungen gehen und für etwas kämpfen, gewappnet sind.

Jeder, der hier in der ÖH arbeitet, sollte in der Lage sein, das große Ganze zu sehen und auch genau wissen, was er oder sie zu tun hat und warum. Wichtig ist auch, dass sich junge Leute nicht durch das Gehabe der Alteingesessenen einschüchtern lassen

Oft gestaltet es sich schwierig, Studierende für diese Arbeit zu motivieren.

Ja, da gehört Überzeugungsarbeit dazu, es geht nicht anders. Dafür muss die Arbeit auch sichtbarer werden. Die großen Feste der ÖH sind wunderbar, aber wenn nichts dabei herausschaut, außer dass der- oder diejenige ein paar Getränke konsumiert, dann ist das auch zu wenig. Da gehört überall Information dazu. Also keine Veranstaltung ohne dezidierte Hinweise auf Inhalte der ÖH. Sinn machen würde es, eine Person einzustellen, die genau dafür zuständig ist, damit die Inhalte der Gesetze und Novellierungen an die Studierenden kommen.

Welche Dinge müssen sich aus deiner Sicht verbessern?

Mehr Zusammenhalt und Zusammenarbeit. Unser Unternehmen muss von allen gemeinsam unterstützt werden – unabhängig von Listen oder politischen Meinungen. Das ist unsere ÖH, wo den Studierenden das Beste, von dem, was wir leisten können, zur Verfügung gestellt wird – unabhängig von fraktioneller Politik!

Funktionierende Zusammenarbeit hängt auch stark vom weitergegebenen Wissen ab. Gerade dadurch, dass alle zwei Jahre eine Wahl stattfindet, ist ein guter Wissenstransfer oft sehr schwierig.

Genau, Wissenstransfer ist das Schlüsselwort. Da gehört jetzt auch dazu, dass diese Übergaben bei Teamwechsel, die ja immer andere personelle Zusammensetzungen haben, eine Positive sein muss. Ich habe einmal einen Vorsitzwechsel miterlebt, wo die, die gegangen sind, alles vernichtet haben. Dokumente, Programme und Wissen. Es war entsetzlich. Wenn sich die politischen Zusammensetzungen ändern, dann muss die Arbeit kontinuierlich weitergegeben werden.

Alles andere ist kleinkariertes Denken. Mit so einem Denkansatz sollte man nicht in die Politik gehen – schon gar nicht in die Hochschulpolitik.

Fallen dir in der Zeit, in der du aktiv warst, große Bereiche in der Bildungspolitik ein, wo sich die ÖH wirklich aktiv eingesetzt hat?

Das kann ich jetzt ad hoc schwer sagen. Aber es waren sicher starke Bewegungen zu dem Zeitpunkt, als es um die Einführung der Studiengebühren ging. Die Entschärfung der Studiengebühren, durch eine Novellierung des Universitätsgesetzes von 2002 war sicher eine Großtat der ÖH.

Was sagst du jenen, die die Sinnhaftigkeit der ÖH-Wahl hinterfragen?

Denen würde ich sagen: Wir sind in Europa das einzige Land, wo die Studierenden eine Institution mit so starkem Mitspracherecht haben. Die Aufrechterhaltung dieses Privilegs würde ich unter allen Umständen mit meiner Stimme unterstützen. Damit ich weiß, was meine Stimme eigentlich bewirken soll, würde ich vorschlagen, dass die Website der ÖH dezidiert und genau darüber Auskunft gibt. Ich hoffe, dass diese Information in Zukunft immer auffindbar und aktuell ist.