Von bunten Fahnen und ernsten Anliegen

Weltweit gehen am letzten Junisamstag Millionen von Menschen auf die Straße, um laut und farbenfroh für eine gleichberechtigte Gesellschaft einzutreten. Die Stimmung ist fröhlich und der Dresscode bunt, wenn die Menschen zur Teilnahme an der Christopher Street Day Parade (CSD) erscheinen. Doch die Ursprünge sind keinesfalls fröhlicher Natur, ein Umstand, der in der feiernden Zurschaustellung unterzugehen droht.

Autor: Gunnar Knaus 

Credit: queer Referate Graz

Begonnen hat alles 1969, als sich – besonders afro- und lateinamerikanische – Homosexuelle, Transsexuelle und Dragqueens gegen die ständigen Razzien, Übergriffe und Repressalien der New Yorker Polizei zu Wehr setzten und es zum sogenannten Stonewall-Aufstand kam. Seit damals wird in New York jährlich mit einem Straßenumzug an das Ereignis erinnert – die Geburtsstunde des Christopher Street Day.
Nach und nach organisierten sich weltweit immer mehr Paraden, 1996 fand auch die erste Regenbogenparade in Wien statt. Die steirische Landeshauptstadt reihte sich erst 18 Jahre später in die Liste der weltweiten Veranstaltungsorte ein. Warum eigentlich?

Für Gehör und Sichtbarkeit

Weil die Grundhaltung gegenüber der ersten Grazer Parade als typisch österreichisch bezeichnet werden kann: „Das zahlt sich doch nicht aus, da kommt ja eh niemand, wir sind viel zu klein“. Und dennoch fand sich eine Gruppe Student_innen der queer Referate Graz, die sich nicht mit dieser ablehnenden Haltung zufriedengeben wollten und 2014 einfach die Organisation der ersten Grazer CSD-Parade in die Hand nahmen. Mit Unterstützung der ÖH Uni Graz sowie der HTU Graz wurde das ambitionierte Projekt gestartet, Poster und Flyer gebastelt und an den beiden Universitäten mobilisiert (seit der zweiten Parade ist übrigens auch die ÖH Med Graz dabei).

Credit: queer Referate Graz

„Natürlich gab es auch innerhalb unserer Gruppe ambivalente Haltungen und Unsicherheiten. Sich an anderen Paraden zu orientieren, die es schon seit vielen Jahren gibt und mittlerweile tausende Menschen mobilisieren, war schwierig und auch gar nicht unsere Absicht“ erzählt Marlies Weixelbaumer, die damals bei der Organisation der ersten Parade dabei war. „Wir sind zwar österreichweit ganz gut vernetzt und können immer auf Unterstützung zählen, bei der 1. Grazer CSD Parade mussten wir aber einfach ins kalte Wasser springen. Der Wunsch, politische Forderungen auf die Straßen zu tragen, unseren Anliegen Gehör zu verschaffen und Sichtbarkeit zu erlangen stand ganz klar im Vordergrund unserer Arbeit und hat schlussendlich dazu beigetragen, den (Grazer) CSD an sein kämpferisches Potenzial zu erinnern. “

Gekommen sind auf Anhieb mehrere hundert Personen, ein großer Erfolg für die steirische Queer-Community und die Bestätigung, auch in den kommenden Jahren eine Parade zu organisieren. Und die Anzahl der teilnehmenden Personen ist seit damals kontinuierlich am steigen.

Zwischen Aktionismus und Kommerz

Doch der Erfolg der CSD- und Regenbogenparaden hat auch seine Schattenseiten. Denn durch die ständig wachsende öffentliche Aufmerksamkeit und die damit einhergehende steigende Kommerzialisierung, die sich mittlerweile auch in Pride-Fahnen als Facebook-Like-Button äußert, droht der eigentliche Hintergrund der Parade in Vergessenheit zu geraten. Auch Caroline Milinkovic, Hauptorganisatorin der 2. und 3. Grazer CSD Parade beobachtet die Entwicklung mit gemischten Gefühlen:

„Es ist schön, dass dieses Thema mittlerweile so viel Aufmerksamkeit bekommt, und queere Themen vermehrt mediale, als auch gesellschaftliche Akzeptanz finden. Aber man verliert dabei gerne aus den Augen, dass es noch sehr viele gesetzliche und auch gesellschaftliche Bereiche gibt, die mit Akzeptanz und Gleichberechtigung wenig bis gar nichts zu tun haben.“

Im Vergleich zu anderen Städten hält sich der kommerzielle Aspekt klar aus der Grazer Parade raus, was auch genau so gewollt ist. „Im Endeffekt geht es darum ein gesellschaftliches und politisches Zeichen zu setzen und nicht eine Innenstadtparty mit jeder Menge Unternehmenssponsoren zu haben, die sich darüber profilieren wollen. Wegen einer bunten Feier sollten auch nicht die restlichen 364 Tage außer Acht gelassen werden, an denen das Thema weit weniger Aufmerksamkeit erfährt“.

CSD Graz (c) michael geramb fotograf

Auch heuer keine Vermarktung

In Graz bleibt man dieser Message treu. Auch zur heurigen 4. Grazer CSD-Parade gibt es keine kommerziellen Sponsoren, lediglich das Logo der Queer-Referate Graz ist auf den Flyern und Plakaten zu finden.

Marcus Zauner, Queer-Referent der ÖH Med Graz und Hauptorganisator der diesjährigen Parade, ist dieses Anliegen genauso wichtig wie seinen Vorgänger_innen. Und auch er sieht den medialen Rummel ein wenig kritisch. „Es ist ein schönes Zeichen, wenn sich viele an der CSD Parade beteiligen, aber es ist noch einiges zu tun, um in Österreich auch eine echte Gleichstellung zu schaffen.“ Die heurige Teilnehmer_innenzahl schätzt er auf 600-700 Personen, es sind alle – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – herzlichst eingeladen.

Ablauf zur 4. Grazer CSD Parade:

12 Uhr Allgemeiner Treffpunkt am Freiheitsplatz
13 Uhr Start der Parade

Route: Freiheitsplatz – Opernring – Eisernes Tor – Hauptplatz – Kunsthaus – Annenstraße – Volksgarten (Parkfest)

Anschließende Veranstaltungen
CSD Parkfest
FAGtory Club in der Postgarage