Vom Kreissaal bis zum Hörsaal

Sie lassen nicht locker: hartnäckig halten sie sich im Schatten ihrer (erwachsenen) Sprösslinge. Helikoptereltern umkreisen in vielen Fällen schon von Kindesbeinen an geräuschlos ihre Kinder und behüten sie bis in deren Dreißiger vor jeder erdenklichen Gefahr. Nun sind sie auch an der Uni Graz angekommen.

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Bei den Verantwortlichen der Uni Graz macht sich vermehrtes Interesse der Eltern am Studienleben der eigenen Kinder bemerkbar. Zum schon fast zeitlosen Schmäh der Einführung eines Elternheftes kommt es jedoch nicht, derart verheerend scheint es um die Autonomie der Grazer Studierenden bei weitem noch nicht zu stehen. Sehr wohl aber zeugen häufigere Anrufe, sowie persönliche Nachfragen rund um das Studium bei den verschiedenen Beratungsstellen von steigender Wissbegierde der Eltern. Im Zuge dessen bietet das 4students-Team in diesem Jahr bereits zum dritten Mal einen Elterninformationsvortrag im Rahmen der „Schnupperuni“ für Studienanfänger_innen an. Der Beweggrund der Veranstaltung ist jedoch – entgegen der Erwartung – nicht die steigende Anzahl an Helikoptereltern, sondern die positive Seite des anhaltenden Informationsbedarfs: Primär wolle man die Möglichkeit bieten, das aufkommende Verlangen nach Orientierung im dichten Gestrüpp des Unialltags zu stillen. Außerdem könnten somit auch Eltern aus entfernteren Städten ein Bild von der Tätigkeit und dem Umfeld ihres Schützlings gewinnen. Soweit, so gut, solange der Hubschrauber den heimatlichen Landeplatz nicht verlässt. Wenn doch, tritt eher das Gegenteil der gewünschten Unterstützung ein.

Die Anfänge einer Abhängigkeitsbeziehung

Man stelle sich vor, ein kleines Kind startet seine ersten tapsigen Gehversuche. Links und rechts gestützt von Mama und Papa setzt sich langsam ein Füßchen vor das andere. Nach geraumer Zeit sitzt der Ablauf fest im Kleinhirn des angehenden Welteroberers. Nur zu den Beiden an den Händen links und rechts ist die Botschaft nicht immer ganz so klar durchgedrungen. Es dreht sich um die omnipräsente Frage des Loslassens, eine immerwährende Gratwanderung im Prozess des Älterwerdens. Von Anfang an gestaltet sich die Frage der dem Kind überlassenen Selbstverantwortung als schwierig. Zu viel loslassen könnte das Kind ins taumeln bringen, zu wenig wiederum die Eigenständigkeit des jungen Menschen im weiteren Lebensverlauf nachhaltig untergraben. Hier gilt es, wie nur allzu oft im Leben, den goldenen Mittelweg zu finden. Gelingt dies nicht, können sich zwei Extreme ergeben: die verantwortungslosen Eltern und die Helikoptereltern.

Bei den Zweiteren entwickelt sich die völlige Kontrolle und das übertriebene Händchen halten zur Normalität. Scheinbar wacker beseitigen Helikoptereltern ihrem Nachwuchs von klein auf jedwedes Hindernis und trauen ihrem Kind nicht zu, selbst Entscheidungen zu treffen und auch für diese Verantwortung zu übernehmen. In Erscheinung tritt die Fatalität dieser Handlungsweise oft erst, wenn das Kind eines Tages doch auf sich alleine gestellt ist.

Wie kommt es dazu?

Aber was macht die beiden treuen Seelen im Hause überhaupt zu Helikoptereltern? Schließlich wollen sie ja nur das Beste für ihr Kind. Die genauen Ursachen zu eruieren artet schnell zur Sisyphusarbeit aus. Der wohl größte Faktor ist laut der psychologischen Studierendenberatung der ureigene Beschützerinstinkt. Damit nichts passieren kann, räumen Eltern die Bahn frei, von den kleineren bis zu den größeren Stolperfallen des Lebens. Sie nehmen dem Kind Entscheidungen ab und ersticken potentielle Fehler schon im Keim. Sie meinen es schließlich gut – letztendlich jedoch zu gut. Genau hier liegen die Tücken dieser Form von Eltern-Kind-Beziehung begraben. Einen besonderen Hang zu dieser übertrieben Fürsorge kann man bei Einzelkindern vernehmen. Weitere Ursachen charakterisieren sich durch Versäumnisse der Erwachsenen im eigenen Leben oder überhaupt durch den unbewussten Versuch, sich von aktuellen persönlichen Problemen abzulenken. Mitunter können aber auch schlichtweg Gewissensbisse aufgrund von unterlassener Zuwendung in der Kindheit und frühen Jugend des Nachwuchses eine Rolle spielen.

Doch wo ist die Grenze des berüchtigten „zu viel des Guten“ für erwachsene Studierende zu ziehen? Spätestens wenn Mama oder Papa das gemeinsame Gespräch bei der Studierendenberatung mit der verheißungsvollen Einleitung „Wir möchten studieren!“ beginnen oder gar den angehenden Studierenden das Wort streitig machen, sollten die Alarmglocken schrillen. Ein ebenfalls starkes Symptom ist der Punkt, an dem Eltern beginnen, für ihre studierenden Kinder zu sprechen bzw. für diese zu kämpfen und sie so der Verantwortung für sich selbst berauben – sei es in persönlichen oder in universitären Bredouillen wie zum Beispiel negativen Prüfungsergebnissen.

Mangel an Verständnis

Zu groben Konflikten kann es aber auch durch mangelndes Verständnis der Eltern für das Studierendendasein an sich kommen. Insbesondere solche, die selbst nie an einer Hochschule inskribiert waren, werden oftmalig das Gefühl nicht los, dass die „Kinder“ mangels festgelegter Arbeitszeit fast völlig in der eigenen Prokrastination versinken. Da kommt es sehr gelegen, den Faulpelz nachhaltig zurechtzuweisen, oder die anstehenden Arbeiten im Elternhaus auf ihn abzuwälzen. Dieses Blatt wendet sich vielfach erst mit dem erfolgreichen Abschluss des Studiums. Begründen lässt sich diese Entwicklung mit einem differenzierten Abhängigkeitsverhältnis zwischen Arbeitenden und Studierenden. Letztere leben quasi in einer gefühlt verlängerten Jugendphase und benötigen meist eine weit größere finanzielle, wie auch mentale Unterstützung aus dem Elternhaus, als Arbeitende mit fixem Einkommen.

Wenn der Extremfall tatsächlich eintritt und Vater und Mutter die Präsenz eines Geheimdiensthubschraubers ausüben, kann die überfürsorgliche Erziehung das Kind vor gewaltige Probleme stellen. Wenn Studierende ihr Fach rein nach Gutdünken von Mama und Papa wählen und sich die bisher im Leben selbstgetroffenen Entscheidungen an einer Hand abzählen lassen, ist Feuer am Dach. Simple Lebensfragen bauen sich auf einmal wie riesige Betonpfeiler in der jungerwachsenen Naivität auf. Auf der einen Seite stehen oft unerfüllbare Ansprüche an sich selbst und die direkte Umgebung, auf der anderen mangelt es akut an Eigeninitiative und Selbstmotivation – eine gefährliche Mischung, wenn Mama gerade nicht mit der nötigen Motivationsspritze bereitsteht. Am abrupten Ende des ohnehin nie so wirklich gewollten Studiums stehen die Pforten zum Dschungel der völligen Orientierungslosigkeit weit offen. Eine rechtzeitige Kehrtwende ist gefragt.

Trotz allem ist eines festzuhalten: die Bandbreite zwischen völliger Vernachlässigung und dem konträren Phänomen der Helikoptereltern ist enorm. Um die Kriterien hierfür zu erfüllen, braucht es schon eine Kombination aus dem mannigfaltigen Katalog an überfürsorglichen Erziehungsmethoden. Letztlich dreht sich viel um finanzielle Fragen des Studienalltags und den Kompromiss, den man mit den Geldgebern eingehen muss. In Zeiten wenig erschwinglicher Mieten und alljährlich in die Höhe schnellender Öffitarife ein nicht außer Acht zu lassender Faktor. Klar ist: ein_e Retter_in in der mentalen Not oder in der womöglich eines Tages eintretenden Sinnkrise ist unbezahlbar. Außerdem bietet ein durch Eltern bereitetes Sprungbrett, vorausgesetzt man bündelt damit die eigene Kraft, eine wesentliche Unterstützung, um hoch hinaus zu kommen im jungerwachsenen Leben.

Autor: Thomas Gann, in Zusammenarbeit mit 4students und der Psychologischen Studierendenberatung.

Artikel aktualisiert am 29.09.2017