Von der Volksschule in die Psychiatrie – ein Neustart

Der herkömmliche Weg von Studierenden verläuft meist nach demselben Muster. Die 28-jährige Sarah* hat sich für einen etwas anderen Pfad entschieden. Aber was treibt jemanden dazu an, einen fixen Arbeitsplatz zu verlassen und einen Neustart zu wagen? Die Libelle hat es herausgefunden.


Libelle: Du hast vier Jahre lang an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule studiert. Hat dir das Studium gefallen?

Sarah: Ja, ich fand das Studium total spannend und interessant. Ich hatte in der Schule eigentlich immer das Gefühl, etwas nicht aus Interesse, sondern aus Zwang zu lernen. Es hat mich begeistert, dass es Themen gibt, die meine Neugier wecken. Vor der KPH habe ich ein Jahr lang Gesundheits- und Pflegewissenschaften studiert, aber auch dort habe ich nur gelernt, um die Prüfungen zu bestehen.

Libelle: Hattest du jemals Zweifel, ob dieses Studium richtig für dich ist?

Sarah: Ja, ich bin immer skeptisch, also war das nichts Aufregendes oder Spezielles. Ich habe mir darum Sorgen gemacht, ob ich für den Beruf als Lehrerin geeignet bin, ob ich die Fähigkeit habe, den Kindern alles Wesentliche beizubringen und gleichzeitig den vorgeschriebenen Lehrplan zu erfüllen. Ich war mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde, alle meine Ideen und Vorstellungen in die Tat umzusetzen und die Lehrerin zu werden, die ich sein wollte.

Libelle: Du hast nach deinem Abschluss vier Jahre in der Volksschule gearbeitet. Was waren deine Eindrücke?

Sarah: Ich habe es geliebt, die Begeisterung in den Kindergesichtern zu sehen, wenn sie wieder etwas Neues gelernt oder sie mir voller Stolz ihr neu erworbenes Wissen gezeigt haben. Besonders glücklich war ich, als ich gemerkt habe, wenn anfangs eher schüchterne Kinder lauter wurden und sich plötzlich mehr zugetraut haben. Von vielen Eltern bekam ich positives Feedback. Das hat mich motiviert. Auch mit meinen Kollegen habe ich mich gut verstanden, obwohl nur zwei in meinem Alter waren.

Libelle: Was war deine Motivation, trotz vollständiger Ausbildung und fixem Job die Richtung zu wechseln und einen neuen Weg einzuschlagen?

Sarah: In der letzten Schule habe ich mich einfach nicht wohl gefühlt, ich habe enormen Druck und Stress verspürt. Vor allem hatte ich Probleme mit der Direktorin. Ich konnte sie überhaupt nicht einschätzen. Sie gab mir immer das Gefühl, mich nicht zu mögen und es kam mir so vor, als hätte sie ständig nach etwas gesucht, das sie mir anlasten könnte. Ebenso waren unsere Vorstellungen vom Umgang mit den Kindern und dem Unterricht grundverschieden, wobei ich mich hier auch nicht anpassen wollte. Das würde meiner Grundhaltung widersprechen. Das Arbeitsklima war also sehr angespannt und ich konnte und wollte in dieser Atmosphäre nicht weiterarbeiten. Ich hatte dauernd Angst und habe mir unendlich viele Sorgen gemacht. Gezwungenermaßen musste ich dann in den Krankenstand gehen und wurde mit meiner Zukunft konfrontiert.

Libelle: Hast du lange darüber nachgedacht oder bist du gleich ins kalte Wasser gesprungen?

Sarah: Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, habe viel mit meinen Eltern und meiner Therapeutin darüber gesprochen und bin dann zu dem Entschluss gekommen, dass ich einfach nicht mehr in die Volksschule zurück wollte. Bereits in der Schule hatte ich ein sehr großes Interesse für Psychologie. Aber ich habe von sehr vielen Leuten gehört, dass es sehr in die naturwissenschaftliche Richtung ging. Da ich nie das Gefühl hatte, dafür ein Talent zu haben, habe ich es nicht gewagt.

Libelle: Du hast das Bachelorstudium Psychologie mit 27 Jahren begonnen. Ein Schritt, den nicht alle wagen würden. Wieso hast du dich getraut?

Sarah: Ich glaube, der ausschlaggebende Grund dafür war, dass es für mich einfach nicht in Frage kam, zurück in die Volksschule zu gehen. Mir war jede andere Möglichkeit sehr willkommen. Ich hatte auch das große Glück, dass mir meine Eltern ihre finanzielle Unterstützung zugesichert haben. Ich habe die Verantwortung für einen Hund, und wusste, dass ich es neben dem Studium nicht schaffen würde, so viel zu arbeiten, dass ich mir alles selbst finanzieren könnte. Ohne die Unterstützung meiner Eltern hätte ich wahrscheinlich nicht gewusst, was ich tun sollte.

Libelle: Glaubst du, dass dir dein bereits abgeschlossenes Studium Vorteile bringt bzw. bringen könnte?

Sarah: Ich weiß nicht, ob es mir Vorteile bringt oder jemals bringen könnte, da es einfach ein ganz anderer Bereich ist. Auf jeden Fall hat es mich aber einiges gelehrt. Zum Beispiel weiß ich nun, dass ich lieber mit Einzelpersonen als mit Gruppen arbeiten würde. So habe ich eher das Gefühl, den Einzelnen gerecht zu werden.

Libelle: Hatten deine Eltern oder dein Freundeskreis Bedenken. Haben sie dich ermutigt?

Sarah: Meine Eltern haben sich sehr viele Gedanken darüber gemacht, aber gleichzeitig gespürt, dass es gut für mich wäre, einen neuen Weg einzuschlagen. Da ich mich zu dieser Zeit ziemlich aus dem sozialen Leben zurückgezogen hatte, hatten die Menschen in meinem Umfeld nicht einmal die Chance mich zu ermutigen oder mir mein Vorhaben auszureden. Ehrlich gesagt wollte ich auch mit keinem darüber reden.

Libelle: Hast du jetzt noch Zweifel, ob es das Richtige war?
Sarah: Nein, ich genieße es, noch einmal eine Studentin sein zu dürfen und schätze die Freiheiten des Studentenlebens gegenüber jenen der Arbeitswelt sehr. Mir gefällt das Studium, ich finde vieles spannend und freue mich auf alle Lehrveranstaltungen.

Libelle: Wie stellst du dir deine Zukunft vor, welche Träume oder Wünsche möchtest du dir mit diesem Studium erfüllen?

Sarah: Zusätzlich zum Studium mache ich gerade das Propädeutikum, den ersten Teil einer zweistufigen Ausbildung zur Psychotherapeutin. Eventuell möchte ich auch die Ausbildung zur Klinischen Psychologin machen. Mein derzeitiges Ziel ist auf jeden Fall der Bachelor.
Die Libelle bedankt sich herzlich für das Interview und wünscht Sarah auf ihrem weiteren Weg alles Gute.
*der Name wurde auf Wunsch von der Redaktion geändert.

Autorin: Cornelia Scheucher
Erschienen in der Print-Ausgabe 2 2017/18, S. 4f.

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