Der Bettlerpapa und seine Schützlinge

Armut hat in Graz viele Gesichter und eine Stimme.

August Eisner ist der Gründer und Leiter zweier Notschlafstellen in Graz. Er bietet Frauen und Männern ohne Hab und Gut eine sichere Unterkunft und gleichzeitig die Aussicht auf ein besseres Leben. 

Im Schatten des städtischen Trubels in der unscheinbaren Kernstockgasse befinden sich Tür an Tür zwei vom durchschnittlichen Stadtbewohner wahrscheinlich bisher unbemerkte Grazer Institutionen. Sie heißen VinziNest und VinziSchutz und bieten obdachlosen Männern und Frauen aus dem Ausland das ganze Jahr über ein Dach über den Kopf. Bei der Hausnummer 14, hinter deren großer, grüner Tür man zunächst eine ganz gewöhnliche Garageneinfahrt für Anwohner vermutet, finden sich in Hochzeiten bis zu 100 Menschen täglich für die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse ein.

„Über zu wenige Gäste können wir uns wirklich nicht beklagen“, sagt Leiter August Eisner, der die Notschlafstelle im Jahr 1992 gemeinsam mit Pfarrer Wolfgang Pucher von der St. Vinzenzkirche Eggenberg gründete. Zur kalten Jahreszeit ist der Andrang am Größten. „Dann kann es schon mal sein, dass die 80 Betten für die Männer und die 24 Betten für die Frauen nicht ausreichen und wir improvisieren müssen“, fügt der 82 Jahre jung gebliebene Herr mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. In den 26 Jahren ihres Bestehens ist es jedoch bisher noch nie vorgekommen, dass ein_e Bedürftige_r kein Bett im warmen Nest der Vinzenzgemeinschaft gefunden hat. Wenn der Platz in der Kernstockgasse einmal knapp wird, stellt August Eisner entweder eine Matratze mehr auf oder vermittelt zu einer anderen Notschlafstelle, von denen es allein fünf in Graz gibt, davon drei Einrichtungen für obdachlose Frauen aus dem In- und Ausland.

Pragmatisch, unkompliziert und schnell – auf diese Weise konnte Graz in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer nahezu obdachlosenfreien Stadt werden. Viele von den mittellosen, häufig ungelernten Menschen, die überwiegend aus Ost-und Südosteuropa in die Grazer Notschlafstelle kommen, sind tagsüber auf das Betteln angewiesen. Andere von ihnen üben bei entsprechender Qualifikation und ausreichenden Deutschkenntnissen Hilfsarbeiten in Industrie und Landwirtschaft aus. Den Großteil des Geldes, das die Männer und Frauen hier verdienen, bringen sie alle zwei bis drei Wochen in ihre Heimat zurück, um ihre dort lebenden Familien zu ernähren und die Miete für ihre Wohnungen zu bezahlen. So wie Erno D., der wie viele andere Bewohner_innen in der Unterkunft der Bevölkerungsgruppe der osteuropäischen Roma angehört.

Der Mann erzählt, dass er, bevor er vor neun Jahren erstmals nach Graz gekommen ist, als Sachbearbeiter im Rathaus seines Heimatdorfes in der Ostslowakei tätig war. Dann wurde ihm vom einen auf den anderen Tag gekündigt. Eine neue, vergleichbare Arbeit in seinem Land fand er von diesem Moment an nicht mehr. Er führt diesen Umstand auf seine ethnische Zugehörigkeit zurück. Menschen der Roma-Minderheit werden in Teilen Ost-und Südosteuropas bis heute diskriminiert, erhalten kaum Unterstützung vom Staat und leben dort häufig in prekären Verhältnissen. Die Fahrten nach Österreich alle paar Wochen sind für Erno D. der letzte Ausweg, um wenigstens etwas zum Lebensunterhalt seiner Familie, seiner Frau, den zwei Kindern und vier Enkeln, beizutragen. Dafür verkauft der Mann die Obdachlosenzeitung Global Player in der Grazer Innenstadt. Die Zeitung kostet 2,50 Euro, wovon er pro verkauftem Exemplar die Hälfte für sich behalten darf. Abzüglich des Geldes, das der Mann für seine Familie in der Slowakei spart, bleibt für ihn selbst am Ende des Tages meist nur so viel übrig, dass er den symbolischen Betrag von einem Euro für Kost und Logis bei VinziNest aufbringen kann. Die restlichen Kosten in der Notschlafstelle werden durch staatliche Subventionen, Spenden und private Sponsoren getragen. Dank der Arbeit von August Eisner und seinem Team, das aus SozialarbeiterInnen und zahlreichen ehrenamtlichen HelferInnen besteht, bekommen Menschen wie Erno D. wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag, können ihre Wäsche waschen und für die Nacht einen Schlafplatz in sicherer Umgebung finden.

Von Dienstag bis Donnerstag stehen zudem bis zu fünf Lehrerinnen im Haus bereit, um den Bewohner_innen beim Erlernen der deutschen Sprache zu helfen und ihnen dadurch den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Mit zunehmendem Erfolg: erst kürzlich wurden zehn VinziNest-Bewohner beim Grazer Automobil-Hersteller Magna Steyr eingestellt. Für sie wird der Weg heraus aus den schützenden Händen der Vinzenzgemeinschaft zu einer eigenständigen, gesicherten Existenz nicht mehr weit sein. Andere ehemalige BewohnerInnen haben es vorgemacht und erzielen mittlerweile als Taxifahrer_in, Helfer_in bei der Apfelernte im Grazer Umland oder Servicekraft in der Gastronomie ein zwar niedriges, aber geregeltes Einkommen.

Für all die Menschen, die in ihrer schwierigen Lebenssituation derzeit noch auf externe Unterstützung angewiesen sind, ist August Eisner, den hier alle nur „Gustl“ nennen, die gute Seele im VinziNest für die Männer und dem im Hinterhof angrenzenden VinziSchutz für die Frauen. Ob es um die Aufnahme von Neuankömmlingen geht, ein_e kranke_n Bewohner_in medizinisch versorgt werden muss (jeden Mittwochabend kommt ein Ärzteteam für kostenlose Behandlungen in die Unterkunft) oder einfach mal ein offenes Ohr gebraucht wird: August Eisner und seine Kollegin Cornelia Pichler, die Leiterin von VinziSchutz, hören sich alle Sorgen, Nöte und Wünsche von allen Seiten zu jeder Zeit geduldig an und suchen stets gemeinsam mit den Beteiligten nach Lösungen für ihre Probleme.

Bei allem Verständnis und aller Nächstenliebe in der Notschlafstelle ist jedoch auch mal die harte, aber herzliche Ansprache ihrer Verantwortlichen gefragt. So wie, wenn das strikte Verbot von Alkohol- und Drogenkonsum in der Herberge einmal nicht eingehalten wird oder den Männern und Frauen nachdrücklich erklärt werden muss, dass sie die Nacht in getrennten Räumlichkeiten zu verbringen haben, weil wie „Gustl“ Eisner augenzwinkernd sagt, „wir sonst zu einem regelrechten Bordell werden.“

Oder in in der Anfangszeit der VinziWerke, als die Anrainer in der Kernstockgasse den Plänen August Eisners und des Pfarrers Wolfgang Pucher noch mit einiger Skepsis begegneten. Durch regelmäßigen Austausch in Gesprächsrunden und an Themenabenden konnten jedoch über die Jahre hinweg Vorurteile auf beiden Seiten schrittweise abgebaut werden. Mit dem positiven Ergebnis, dass man hier mittlerweile mit dem nötigen Respekt für den jeweils Anderen wie selbstverständlich und friedlich Tür an Tür in der selben Straße lebt.

Und wenn es doch einmal Probleme gibt, weiß August Eisner seine Schützlinge mit den treffenden und nie gänzlich von Humor befreiten Worten zu verteidigen. So wie vor einigen Jahren, als eine Ordnungswache der Stadt Graz einen harmlosen Bettler in der Innenstadt seines Platzes verweisen wollte. Die Frau wusste offenbar nicht, dass Bettler und Bettlerinnen, sofern sie keine Tiere bei sich haben, ihre minderjährigen Kinder für sie betteln lassen oder aggressiv auf die Passanten zugehen, von der Stadtverwaltung geduldet werden. Als die Ordnungshüterin nicht nachgeben wollte und schließlich von August Eisner wissen wollte, wer er denn überhaupt sei, entgegnete dieser: „Ich bin der Bettlerpapa. Richten sie das Ihren Vorgesetzten aus – die wissen schon, wer ich bin.“

Armut ist vielleicht unscheinbar, aber real und alltäglich in Graz. Dank August Eisner und seinem Team von VinziNest und VinziSchutz, haben die Menschen, die unter ihr leiden müssen, wieder eine Stimme und müssen die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgeben.

Ehrenamt

Beide Schlafstellen sind immer auf der Suche nach männlichen* und weiblichen* ehrenamtlichen Helfer_innen für die Nachtdienste. Bei Interesse meldet euch ganz einfach per Mail oder Telefon bei Cornelia Pichler, VinziSchutz, oder August Eisner, VinziNest.

VinziNest

Kernstockgasse 14

8020 Graz

Tel.: +43 316 58 58 02

Email: vinzinest@vinzi.at

VinziSchutz

Dominikanergasse 7

8020 Graz

Tel:
+43 676 87 42 31 14
oder
+43 676 87 42 31 11

Email: vinzischutz@vinzi.at

 

Autor: Julius Reuter

Vorschaubild: VinziWerke