Der Traum vom Aussteigen

Katrin Kindler über Tagträume, Eskapismus, und den Druck der modernen Leistungsgesellschaft

Immer wenn man im strömenden Regen zur Universität fährt, während der Himmel farblich dem grauen Asphalt unter den eigenen Füßen gleicht. Immer wenn man morgens völlig ausgelaugt und übermüdet vom Wecker aus dem Schlaf gerissen wird, während man sich noch wage daran erinnern kann, dem Pflegen von zwischenmenschlichen Beziehung dem Vorzug gegenüber einem gesunden Schlafpensum gegeben zu haben. Immer wenn man frustriert die Tür zur Bibliothek aufstößt, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten, wobei man wie eigentlich immer zu spät damit angefangen hat. Immer dann beginnen Gedanken an einen Flieger im eigenen Kopf umherzuschwirren. Man träumt von One-Way-Tickets, weitentfernten Destinationen, unberührter Natur fernab von urbanen Zwängen. Sich von allen Verpflichtungen loszueisen, bevor einem die Monotonie des Lebens die ersten grauen Haare beschert. Aussteigen aus dem Alltagstrott. Das ist der Stoff, aus dem Kopfkinoträume gemacht sind. Mit dem Backpacker-Rucksack fremde Kontinente bereisen, immer das nächste Abenteuer im Auge, neue Persönlichkeiten kennenlernen, neue Erfahrungen machen, in vollkommener Freiheit. Oder wenigstens in einem spanische Café zu arbeiten, und nicht in dieser stickigen Universität mit nicht vorhandener Klimaanlage, aber vollkommen überteuerten und zugleich sinnlosen Kaffeeautomaten, sitzen.

Wenn man heutzutage auf den sozialen Medien umherstreift, erblickt man immer wieder Menschen, die es scheinbar tun. Das sagenumwobene und oft darüber fantasierte Aussteigen. Sie begeben sich auf eine Reise mit dem Ziel der Selbstfindung. Fernab vom Alltagsstress. Sie führen ein einfaches, aber pittoreskes Leben an goldenen Sandstränden oder in grünen Wäldern. Sie wandeln tagtäglich in einer Welt der perfekten Instagram-Ästhetik. Ihre einzigen Begleiter sind die Sonne, ein strahlendes Lächeln, ihre braungebrannte Haut. Und ihre tausende im Alltag gefangene Follower, die durch sie zumindest ihre tägliche Dosis an neuen Stoff für ihre Tagträume geliefert bekommen. Dabei sind viele dieser angeblichen „Aussteiger“ eigentlich nur Urlauber, die aber durch eine monatelang anhaltende Flut an Fotos von ein und demselben Kurztrip suggerieren ständig unterwegs zu sein und ein weitaus spannenderes Leben als die meisten zu führen. Aber fast jeder ist auf die eine oder andere Art und Weise versucht das eigene Leben möglichst aufregend darzustellen.

Aber vielleicht ist dieses Verhalten nicht nur pure Angeberei. Vielleicht ist es ein Versuch der Selbstmedikation der Folgen der modernen Leistungsgesellschaft. Wir müssen funktionieren. Besser, größer, stärker, schöner, schneller wird uns schon seit frühester Jugend eingebläut. Wir sind die ineinandergreifenden Zahnräder in den Untiefen der Maschinerie der Gesellschaft, die nicht nur stetigen Fortschritt, sondern auch Unmengen an Ausschussware produziert. Es ist nicht verwunderlich, dass die Nebenprodukte dieser Maschine, namentlich Burnout und Depressionen, Hand in Hand in mitten unseres Kosmos gewandert sind und dabei nur auf Momente der Schwäche warten. Vielleicht ist der immer wieder aufkeimende Wunsch nach Flucht, Abwechslung und aus dem Alltag ausbrechen, eine der letzten Kinderkrankheiten dieser Luft verpestenden, ressourcen-verschwendenden Maschine namens Wirtschaft. Man wagt es fast zu träumen, dass diese Kinderkrankheiten doch noch wegweisend sein könnten.

Autorin: Katrin Kindler