Die Grenzen sprengen

“We’re all born naked and the rest is drag”

Das Zitat entstammt dem Song „Born Naked“ von RuPaul, einer seit den 1990ern bekannten amerikanischen Dragqueen, die Drag unter anderem als Gegenkonstrukt zu allen Normen versteht. Adam All, Londoner Dragking, sieht in Drag eine Möglichkeit, über das soziale Geschlecht (Gender) zu sprechen.

Das englische Wort „Drag“ bedeutet übersetzt nicht mehr als ziehen und steht für die Kunst, die als typisch betrachtete Kleidung eines anderen Geschlechts zum Zweck der Unterhaltung zu tragen. Die Wortherkunft ist umstritten, „drag“ könnte jedoch ein Akronym für „Dressed Resembling A Girl“ sein, „einem Mädchen gleichend angezogen“. Um 1870 wurde der Begriff erstmals für Schauspieler verwendet, die in Frauenkleidern auftraten.

Drag ist verknüpft mit Show und Performance – die Künstler*innen kreieren ein auffälliges Alter Ego, also ein weiteres Ich, mit einem eigenen Namen und Stil, das sie für dieses Rollenspiel verwenden. Travestie ist nicht nur auf ein Alter Ego festgelegt, sondern wird mit dem Schlüpfen in mehrere verschiedene Rollen assoziiert. So performen die Künstler*innen beispielsweise als Madonna und im nächsten Moment als Marilyn Monroe.

Die Kunstform steht allen Personen offen, wobei Personen, die überspitzte Frauen darstellen, Dragqueens und Personen, die männliche Geschlechtsstereotypen mimen und übertreiben, Dragkings genannt werden.

Dragqueens, die körperlich Frauen sind, sind seltener und werden häufig abschätzig als Faux-Queens, falsche Queens, oder Bio-Queens, biologische Queens, bezeichnet. Bei dieser abwertenden Betrachtung wird vergessen, dass sie genauso Können und Talent benötigen und die Qualität ihrer Darstellung nicht von bestimmten Körperteilen abhängig ist.

Im Übrigen hat Drag nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun, denn sowohl hetero-, bi-, pan- und homosexuelle Menschen üben sich im Spiel mit Geschlechternormen. Drag ist auch nicht zwingend eine Ausprägung von Transidentität. Für manche Personen können Drag- und Cross-Dressing, das authentische Tragen der als typisch angesehenen Kleidung eines anderen Geschlechts im Alltag, allerdings Stationen auf ihrem Weg dorthin sein.

Da es bei Drag um die überspitzte Darstellung und das Infragestellen von gesellschaftlich akzeptierten Geschlechterrollen geht, ist niemand ausgeschlossen. In einer idealen Welt ist die Provokation, das Ausreizen, Überschreiten und Sprengen der Geschlechtergrenzen

Diverse Workshops, wie der Dragking-Workshop 2016 von den queer-Referaten Graz und dem Frauenservice Graz, sollen erlebbar machen, dass Kleidung, Aussehen und Körpersprache Geschlechtercodes vermitteln, die man erlernen kann. Kritisches Hinterfragen dieser Codes kann die Spielräume von Denken und Handeln erweitern und neue Möglichkeiten eröffnen.

RuPaul deutet im Song an, dass jegliche Selbstdarstellung eine Form von Verkleidung und eine Rolle ist, die wir spielen. Schließlich kommen wir alle nackt zur Welt und der Rest ist Drag.

Autorin: Sarah S. Schindlbacher (queer Referate Graz)
Erschienen in der Print-Ausgabe April 2018

VorschaubildPexelsCC0

Quellen: 

https://www.youtube.com/watch?v=PJJeNysh-N4
https://i-d.vice.com/de/article/kz7e8w/wir-raeumen-mit-den-mythen-rund-um-drag-auf
https://www.quora.com/What-are-the-origins-of-the-phrase-drag-queen
https://www.youtube.com/watch?v=8LoCAf06ekk
http://queerstudent.at/de_DE/event/drag-king-workshop-shes-the-daddy/