Fat and Fabulous

3 von 4 Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren fühlen sich zu dick. Diese erschreckende Zahl beförderte die Studie „Mental Health in Austrian Teenagers 2016“ zu Tage. Die Diätindustrie machte im Jahr 2014 einen Umsatz von 595 Milliarden US-Dollar – Tendenz steigend. Larissa Eberhardt über Body Positivity, den Abnehm- und Selbstoptimierungswahn und mutige Frauen, die sich dem in den Weg stellen.

Wenn man die Begriffe „Mobbing“ und „Gewicht“ bei Google eintippt, erhält man etwa 156.00 Ergebnisse. Es wird schnell deutlich: Mobbing ist nicht okay, ein Mensch, der nicht dem Normalgewicht entspricht, aber auch nicht. So geben Seiten wie Traumgewicht.at Tipps zu Hänseleien, die Ärztezeitung untersucht wie gut Mobbingopfer abnehmen können und auch im Psychologieforum wird diskutiert, wie unfair es ist Menschen zu mobben, die schon versuchen abzunehmen. Menschen zu hänseln, die nicht versuchen abzunehmen, scheint hingegen im Bereich des Akzeptablen zu liegen.

Frauen sind tagtäglich unerwünschten Kommentaren über ihren Körper ausgesetzt. Auch im Jahr 2018 werden Frauen oft auf ihr Äußeres reduziert und stehen unter ständigem Druck ihren Körper zu optimieren. Es überrascht daher wenig, dass 77% aller Mädchen sich als zu dick empfinden, während für 56% der Jungen das Gleiche gilt. Gleichsam ist es wenig überraschend, dass der Umsatz der Diät- und Fitnessindustrie rasant steigt. Zunehmend ist der Selbstoptimierungsdruck auch für Männer spürbar.

Riot not diet

Menschen, die nicht der gängigen Schönheitsnorm entsprechen werden oft schräg angeguckt, wenn sie äußern keinerlei Wunsch zu verspüren abzunehmen. Als Standardargument wird dann oft die Gesundheit genannt. Menschen scheinen plötzlich bei völlig Fremden auf der Straße von einer spontanen Fürsorglichkeit ergriffen. Diese scheint aber nur bei dicken Menschen aufzutreten – Rauchen, Cliff Diving, Motorrad fahren oder sonstiges potenziell ungesundes Verhalten scheint hierbei ausgeklammert zu sein.

Oft treffen Fatshaming und Sexismus aufeinander. Eine Frau, die sich den gängigen Schönheitsnormen entzieht und offensiv ihr eigenes Bild von Schönheit verteidigt, scheint zu schockieren. Fette Bloggerinnen tun genau das neuerdings auf Instagram. Frauen wie Tiffany Tucker, Substantia Jones oder Tanesha Aswashti treten als fette Frauen selbstbewusst nach außen auf und zeigen Frauen auf der ganzen Welt, dass es möglich ist sich dem Zwang zu entziehen und selbstbestimmt glücklich zu sein.

That‘s unfreakingfassbar

In Graz hat Studentin Karin Schnedlitz das Projekt „Unfreaking fassbar“ ins Leben gerufen. Sie will zeigen mit welchem Feedback zu ihren Körpern Frauen in ihrem Alltag konfrontiert sind. Auf Instagram präsentiert sie deshalb Fotos von Frauen samt Kommentar, der ihnen gegenüber gemacht wurde. Anlass für sie, das Projekt zu starten, war wie sie selbst sagt „eine Mischung aus Empörung und eigener Erfahrung“. Eine Bekannte hatte auf Facebook eine Erfahrung geteilt und binnen kürzester Zeit hatten sich etliche Frauen gemeldet, die ähnliches erlebt hatten. „Ich war schockiert, bis dahin dachte ich, das geht nur mir so. Ich hatte in der Schwangerschaft viel zugenommen und wurde in und nach der Schwangerschaft ständig deshalb kommentiert und bewertet.” Mit dem Projekt möchte Schnedlitz eine Plattform für Frauen* bieten offen über solche Erfahrungen zu sprechen, die oftmals aus Scham verschwiegen bleiben. „Viele sprechen mit mir das erste Mal offen über die Kommentare, die sie häufig schon seit Jahren erhalten. Sie nehmen das Angebot sehr gerne an und es sprudelt nur so aus ihnen heraus”, sagt die Studentin.

„Iss nicht so viel, sonst wirst du fett“

Ein positives Körperbild zu entwickeln ist gerade für junge Mädchen unter so starkem gesellschaftlichem Druck schwer. Oft spielen auch die Eltern und die Erziehung eine wichtige Rolle. „Eine Frau hat mir erzählt, dass sie seit ihrer Kindheit von ihrem Vater darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie nicht fett werden soll. Fett war die Tante und so solle sie nicht werden. Bei jeder Süßigkeit kamen die mahnenden Worte. Was mich dabei sehr beschäftigte, war, dass sie neben dem, was es mit ihr selbst gemacht hat, also dass sie Jahrzehnte brauchte, um ihren Körper wie er ist annehmen zu können, die väterliche Stimme im Kopf auch heute noch hört, wenn sie mit ihren Töchtern spricht. Und es ist sehr schwer diese Stimme zu überhören. Oft werden Körperbilder vererbt und daran müssen wir dringend etwas ändern.”

Schaut man sich aktuell so in den Medien um, könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Trend zu mehr Akzeptanz von Menschen, die nicht gertenschlank sind, hingeht, doch Studentin Schnedlitz macht klar, dass der Eindruck trügt. Dass größere Hintern oder mehr Busen gerade “in” sind, macht es für Frauen nicht leichter. Sie werden dadurch nicht freier. Der Druck bleibt gleich hoch, er verändert nur seine Gestalt. „Auch der Trend der breiten Hintern führt zu unangenehmen Bewertungen im Alltag: Wenn eine Frau* nicht dieser Körperfigur entspricht oder diese haben möchte, dann ist das die persönliche freie Entscheidung. Ich habe eine 16-Jährige fotografiert, die in der Schule von ihren Mitschülerinnen gemobbt wurde, weil sie angeblich einen zu flachen Hintern hat. Ich habe auch Frauen* im Projekt, die Kommentare bekommen, weil sie zu dünn sind. Es ist kein Dick-gegen-Dünn-Problem, es ist viel tiefer und geht in alle Richtungen.”

„Wenn ich mir die medialen Diskussionen zur Song-Contest-Gewinnerin anschaue, verliere ich auch wieder kurz den Glauben an eine Veränderung von Körperbildern.” Die Israelin Netta gewann 2018 den Songcontest. Im BBC Interview sagte sie: „Ich bin fett – ich war es auch immer und deswegen haben mir alle möglichen Leute Ratschläge gegeben: Zieh dir einen längeren Rock
an! Nimm ab! Trag nicht so knallige Farben!” Auch Netta widersetzt sich. Die Body-Positive-Bewegung feiert ihren Sieg, doch die mediale Debatte zeigte, dass es noch ein langer Weg ist, bis ‘andere’ Körper auch als schön anerkannt werden. Karin Schnedlitz sieht es aber auch als wichtigen Schritt, dass langsam überhaupt öffentlich über das Thema gesprochen wird. Einen Teil will die Grazer Studentin mit ihrem Projekt dazu beitragen. „Wir brauchen Vielfalt. Wir brauchen Bilder von unterschiedlichen Körpern in unterschiedlichen Konstellationen und Zusammenhängen. Am besten plakatieren wir die Städte voll und fluten die sozialen Medien.”

Beim Referat für feministische Politik der ÖH Uni Graz wird Karin Schnedlitz am 22.6 am Wall einen kostenlosen Workshop geben. Im Anschluss gibt es ein Fotoshooting für alle die Lust haben. Für Frauen*, die sich zum Thema austauschen möchten, gibt es die Facebookgruppe „Unfreaking fassbar“. Frauen*, die Interesse haben am Projekt teilzunehmen, können sich jederzeit unter unfreakingfassbar@gmail.com oder per PM auf Facebook unter www.facebook.com/unfreakingfassbar melden.

Autorin: Larissa Eberhardt

Bildrechte: Karin Schnedlitz