Seenotretter Axel Steiner & Claus-Peter Reisch im Interview

“Für ein gerettetes Leben, da würde ich auch in den Knast gehen.“

Am 25. Februar fand in Graz im Schubertkino die Weltpremiere des neuen Films Lifeline statt. Larissa Eberhardt konnte vorab mit den Seenotrettern Axel Steiner und Claus-Peter Reisch, den Protagonisten des Films, sprechen. Sie erzählen von Kriminalisierung, Bedrohung und unzähligen geretteten Leben.

Larissa: Was erhofft ihr euch davon diese Dokumentation in den Kinos zu zeigen?

Claus-Peter: Ich erhoffe mir einfach, dass den Leuten mehr bewusst wird, was da draußen eigentlich passiert. In dem Moment, wo man es im Kino vorgeführt bekommt, entsteht ein viel plastischerer , viel reellerer Eindruck von dem, was da auf See tatsächlich passiert. Man wird ein Stück weit mit aufs Boot genommen. Ich habe das schon bei anderen Video-Vorträgen erlebt, dass sich die Sichtweise der Menschen komplett verändert hat. Viele Leute, die vielleicht vorher eine ganz andere Meinung hatten, sagen dann: so geht das wirklich nicht, man kann die Leute doch nicht ersaufen lassen.

Larissa: Apropos Meinung verändert: ich habe gelesen, dass du früher die CSU gewählt hast. Was hat sich für dich geändert?

Claus-Peter: Ich habe nicht immer die CSU gewählt, aber ein paar Mal. Jeder macht mal einen Fehler. Ich wähle immer nach Faktenlage und damals auch mal CSU. Das sich her Seehofer jetzt als sehr wenig empathischer Mensch herausgestellt hat, bringt mich zu einer völligen Abkehr davon.

Larissa: Die anderen Helfer_innen bei eurer Mission, was sind das so für Menschen?

Axel: Das ist ein totaler Querschnitt der Gesellschaft. Wir haben Ärzte, Krankenschwestern, Rechtsanwälte, Maschinenbauingenieure… Alles. Natürlich sind es oft jüngere Leute, weil man im Studium oft mehr Zeit hat, als wenn man berufstätig ist; aber auch viele, die in ihrem Urlaub runterfahren.

Larissa: Wie viele Leute seid ihr auf dem Schiff?

Axel: Wir sind meist 18 Leute auf der Lifeline.

Larissa: Was war bisher euer krassester Moment an Bord?

Axel: Meiner war auf jeden Fall, als die lybische Küstenwache kam. Das sieht man auch im Film. Die haben einen Warnschuss abgegeben und sind einfach ohne Erlaubnis an Bord gekommen. Das ist eigentlich so der Moment wo ich dachte, jetzt kann es dich auch treffen.

Larissa: Was war deine Befürchtung, was im Worst-Case hätte passieren können?

Axel: Naja, schon, dass ich angeschossen werde. Ich habe mich dann hinterm Schornstein versteckt und versucht, die Situation aus der Deckung zu filmen.

Larissa: Claus-Peter, gab es bei dir auch so einen Moment?

Claus-Peter: Ich hatte auf einer anderen Mission auch so einen Vorfall mit der lybischen Küstenwache. Da haben wir sie allerdings freiwillig aufs Boot geholt. Das Krasse ist dann zu sehen, wie die Flüchtlinge in Panik verfallen, sobald Libyer an Board sind. Wir hatten 235 Menschen auf dem Schiff und die Küstenwache hat dann angekündigt, die wieder zurückzuholen. Ich bin froh, dass keine Panik ausgebrochen ist. Das ist eine Situation, die hochgradig gefährlich ist. Da kann man dann mit 18 Crew-Mitgliedern auch nichts ausrichten. Da sind Menschen dabei, die sagen, dass sie lieber ersaufen, als dass sie nach Libyen zurückgehen. Ein junger Mann ist mir im Weinkrampf vor die Füße gefallen und hat mich angebettelt, dass ich ihn nicht an die Libyer rausgebe. Er würde lieber ertrinken. Das war eins meiner krassesten Erlebnisse.

Larissa: Euch werden so viele Steine in den Weg gelegt. Woher nehmt ihr die Kraft und Energie, weiterzumachen?

Axel: Ich würde sagen: Ein Feuerwehrmann oder Rettungssanitäter kann das gut nachvollziehen. Einer Person das Leben zu retten, das gibt so viel Kraft und Motivation, weiterzumachen. Menschenleben kann man nicht ersetzen; das weiß jeder.

Larissa: Trotz eures Einsatzes werdet ihr ja oft als Schlepper diskreditiert und mit ihnen gleichgesetzt, auch kürzlich von Bundeskanzler Kurz. Was macht das mit euch?

Claus-Peter: Das lässt mich kalt! Das bedeutet nur, dass er keine Ahnung hat.

er kalkuliert damit die Hilfe für die Flüchtlinge zu diskreditieren. Er stellt sich dabei auf die Seite der Menschenverächter. Und das sollte man sich als Deutsche_r oder Österreicher_in gut überlegen, ob man sich auf diese Seite noch mal stellen will. Ich sage mal: nie wieder.

Axel: Ja oder er kalkuliert damit die Hilfe für die Flüchtlinge zu diskreditieren. Er stellt sich dabei auf die Seite der Menschenverächter. Und das sollte man sich als Deutsche_r oder Österreicher_in gut überlegen, ob man sich auf diese Seite noch mal stellen will. Ich sage mal: nie wieder.

Claus-Peter: Mich lässt das wirklich kalt. Ich habe das jetzt schon so oft gehört und jeder weiß, dass da nichts dran ist. Aber man kann es ja immer wieder probieren.

Axel: Hat er sowas echt gesagt, ja?

Claus-Peter: Das sagen ja so einige, Macron auch.

Larissa: Claus-Peter, du bist ja mittlerweile in Malta angeklagt. Was ist da eigentlich der Straftatbestand?

Claus-Peter: Also Schlepperei ist es nicht. Ich wurde als Kapitän angeklagt für angeblich falsche Papiere der Lifeline. Eigentlich eine Formalie, aber das war da halt das Mittel der Wahl, um das Schiff festzusetzen.

Larissa: Wie war das, als du in Malta angelegt hast und von der Polizei begrüßt wurdest?

Claus-Peter: Ja, ich wurde von freundlichen Herren eingeladen, sie zu begleiten. Mir wurde der Pass abgenommen und ich konnte nicht mehr weg aus Malta. Insgesamt war ich – glaube ich – 3 Woche da unten. Irgendwann wurde mir dann mehr oder minder aus „humanitären“ Gründen mein Pass wiedergegeben, weil meine Mutter 92 Jahre alt wurde.

Larissa: Hast du geahnt, dass da jemand kommen würde? Warst du vorbereitet?

Claus-Peter: Das die Mission nicht einfach wird und dass es Ärger geben kann, das ist – glaube ich – jedem auf der Mission klar. Das es solche Formen annimmt; das konnte keiner ahnen. Ich bin ja aktuell der einzige Seenotretter, der vor Gericht steht.

Larissa: Was meinst du wie es ausgeht?

Claus-Peter: Keine Ahnung.

Larissa: Ich bin vor einiger Zeit aus Deutschland nach Österreich umgezogen und ich muss sagen, mich hat das politische Klima hier schockiert. Habt ihr was mitbekommen, wie die Situation für Seenotretter_innen hier in Österreich ist oder habt ihr persönlich Unterstützung oder auch Anfeindungen bekommen?

Axel: Wir haben in Österreich 19 Dauerspenderinnen. Das ist eine relativ große Zahl für ein so kleines Land. Also wir erfahren hier Unterstützung. Wir kriegen natürlich auch mit, dass in Österreich ein Neon*** Vizekanzler ist und Sebastian Kurz mit dem Flüchtlingsthema Wahlen gewinnt: Das kriegt man mit in Deutschland. Aber wie es sich konkret hier anfühlt, weiß ich nicht. Ich kenne das aus Sachsen Da ist es wahrscheinlich ähnlich. Auch wenn da in der Regierung kein Kurz oder kein Strache sitzt.

Larissa: Letzte Frage von mir: Im Mai sind Europawahlen. Seht ihr, dass sich da irgendwas verändern wird?

Axel: Im Europaparlament an sich gibt es schon viele positive Sachen. Da gab es ja letztens sogar eine Entschließung für legale Fluchtwege. Nun ist ja aber die Kommission und der Rat deutlich mächtiger als das Parlament… Ich glaube nicht, dass sich grundsätzlich was am Vorgehen der Staats- und Regierungschefs ändern wird.

Larissa: Europa wird ja immer so als Friedensprojekt bezeichnet. Würdet ihr das unterschreiben?

Axel: Ich würde das unterschreiben, wenn es Reformen gäbe. Wenn die Populisten nicht so viel Macht hätten und die Menschen auch merken würden, wenn wir Populisten wählen, dann beenden wir Europa.

Claus-Peter: Ja dann zerstören wir das.

Axel: Ich fände das gut, wenn Europa sich viel mehr mit seinen Werten und weniger mit Flüchtlingsabwehr beschäftigt.

Claus-Peter: Und Europa müsste auch einfach einmal die Fluchtursachen bekämpfen. Das fängt bei Waffenexporten an, geht über subventionierte Agrarprodukte, Kleiderspenden, die in Afrika die Wertschöpfungsketten vor die Wand fahren oder auch Abkommen über Fischfang vor den eigenen Küsten. Die sogenannte erste Welt nimmt die dritte Welt aus wie eine Weihnachtsgans.

Axel: Das ist auf jeden Fall ein Aspekt. Ein anderer ist, die Werte nach Außen mit Füßen treten und sie nach Innen hochhalten, mit so Ideen, wie, wir errichten südlich der Sahara eine Grenze oder finanzieren im Tschad den Diktator und in Libyen irgendwelche Milizen und Internierungslager. Wie kann man nach Außen die Werte mit Füßen treten und sie nach Innen hochhalten? Dieser Widerspruch wird Europa kaputt machen. Erst letztens gabs ja Abendessen mit Al-Sisi. Das ist ein lupenreiner Diktator, der am Mittwoch neun Leute hat hängen lassen. Mit solchen Leuten sollte man keine Flüchtlingsdeals abschließen. Da verrät man die Werte.

Man hat in Europa Trump für seine Mauer heftigst kritisiert. Aber diese Mauer ist vergleichsweise harmlos. Da kann man sich die Nase blutig hauen Aber im Mittelmeer ertrinken die Leute und gehen elendig zu Grunde.

Claus-Peter: Man hat in Europa Trump für seine Mauer heftigst kritisiert. Aber diese Mauer ist vergleichsweise harmlos. Da kann man sich die Nase blutig hauen Aber im Mittelmeer ertrinken die Leute und gehen elendig zu Grunde.

Axel: Man kann nicht auf Trump zeigen und gleichzeitig Menschen ersaufen lassen. Man kann nicht auf andere Leute zeigen und die Menschenrechte mit Füßen treten.

Claus-Peter: Nee, das ist gar kein guter Stil.

Larissa: Okay, vielen Dank an euch. Gibt es noch etwas, was ihr loswerden wollt?

Axel: Ja, ich würde mir wünschen, dass die Leute den Film schauen und Seenotrettung unterstützen. Durch diese ganze Hetze gehen natürlich die Spenden zurück und das muss ausgeglichen werden. Für uns steigen auch die Kosten pro Gerettetem, durch Anwaltskosten und sonstige Steine, die uns in den Weg gelegt werden. Früher haben wir 400€ im Schnitt aufwenden müssen pro Gerettetem. Heute sind es ungefähr 2000€. Das ist natürlich nichts für ein gerettetes Leben. Ich würde auch das unendlichfache dafür geben, damit niemand mehr im Mittelmeer ertrinken muss.

Die Vorführung wurde präsentiert von Elevate, Seebrücke Graz und Crossroads, co-präsentiert von KAMA Graz, FORUM STADTPARK, uniT, Dokuabende Graz, schaumbad, < rotor >, Caritas Akademie, Evangelische Pfarrgemeinde Graz-Heilandskirche, Flüchtlinge Willkommen, Grüne Akademie, Südwind Steiermark, ZEBRA und ÖH Uni Graz (Alternativreferat und Studienvertretung Philosophie).