Es ist Zeit aufzustehen!

Sandra Lehofer über Aktivismus, Solidarität und Umweltschutz

„Du wirst nicht hierbleiben. Die FPÖ schmeißt euch alle raus. Die FPÖ schmeißt solche primitiven Tiere wie dich raus, du freches Schwein“, so beschimpfte eine ältere Passantin eine junge Frau mit Kopftuch an einer Wiener Straßenbahnhaltestelle im März 2019. Im mitgefilmten Video kann man deutlich hören, wie die ältere Frau sie anspuckt und auffordert Österreich zu verlassen. „Ich bin hier geboren“ und „das ist auch mein Land“ entgegnete die junge Muslimin.

Seit einiger Zeit macht sich ein starker Rechtsdruck bemerkbar. Sucht man nach den Ursachen, dann scheint die Flüchtlingswelle dafür der Hauptgrund zu sein. Wenn man sich die Wahlergebnisse der letzten Nationalratswahl oder Bundespräsidentenwahl genauer ansieht, ist folgendes auffällig: Obwohl in Städten mehr Menschen aus dem Ausland zuwandern, herrscht in den ländlichen Regionen, trotz der vergleichsweise minimalen Zuwanderung, anscheinend eine größere Angst vor „dem Unbekannten“ – so könnte man zumindest die Wahlergebnisse deuten. Diese Deutung bestätigt sich auch oft, wenn man mit Menschen der rechten Wählerschaft in Kontakt tritt. Als Hauptargumente werden meist eine Zunahme der Verbrechen und eine steigende Gewaltbereitschaft genannt. Das interessante dabei: Laut Statistiken des Bundeskriminalamts ist die Gesamtkriminalität in Österreich von 2008 bis 2017 sogar um 5,1% zurückgegangen. Von steigender Kriminalität kann also keine Rede sein.

Wir sollten allmählich aufhören uns von Vorurteilen leiten zu lassen und anfangen genauer hinzusehen. Und wenn wir dann Ungerechtigkeiten erkennen, müssen wir den Mut haben aufzustehen und dürfen nicht so tun, als würde uns das alles nichts angehen. Die junge Muslimin vom Anfang bekam während der Auseinandersetzung von einem Passanten Unterstützung. „Spinnen Sie eigentlich?“, entgegnete er der älteren Dame, während sie die junge Frau beschimpfte. Auch wir müssen unsere Stimme nutzen, sei es unsere Stimme bei der Wahl oder unsere Sprechstimme, um im wortwörtlichen Sinne laut zu sein.

„FEMINIST“
Erst kürzlich hat Falter-Chefredakteur Florian Klenk auf Facebook ein Bild von einem nackten Männeroberkörper mit einer Kette, die den Schriftzug „Feminist“ trägt, gepostet. Nicht jeder Facebook-Nutzer fand das super: „(…) feminismus ist von frauen für frauen. männer können unsere probleme maximal nachvollziehen, aber nicht erleben, daher können sie allianzen sein, aber ganz sicher keine feministen. (…)“ [sic], war zum Beispiel in einem Kommentar zu lesen. Da sich Klenk somit in der Öffentlichkeit als Feminist bezeichnete, erhitzte er einige Gemüter, denn: Kann man als Mann ein Feminist sein? Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich mit der Bedeutung dieses Begriffs beschäftigen: Als Feminismus wird heutzutage hauptsächlich die Bewegung bezeichnet, die die vollkommene Gleichstellung zwischen Mann und Frau anstrebt.

Geprägt wurde dieser Begriff vor allem durch die Strömung des Gleichheitsfeminismus in der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 60er und 70er Jahren. Feminist_innen bekämpfe die Nachteile, die Frauen in unzähligen Bereichen aufgrund ihres Geschlechts erleiden. Laut Statistik Austria verdienen Frauen im Jahr momentan 84,4% vom durchschnittlichen Jahreseinkommen der Männer. Wenn man das in Tage umrechnet, arbeiten Frauen bis zum 26. Februar (oder ab dem 2. November) gratis – man nennt diesen Tag „Equal Pay Day“. Auch beim Bewerbungsverfahren kann man noch lange nicht von Chancengleichheit sprechen – das beweist eine Studie von Dorothea Kübler, Direktorin der Abteilung Verhalten auf Märkten am Wissenschaftszentrum Berlin sowie Professorin an der Technischen Universität Berlin. Sie untersuchte, ob Bewerbungen aufgrund des Geschlechts anders bewertet werden. Das Ergebnis: Die Bewerbungen von Frauen wurden bei gleichem Inhalt von den Personalverantwortlichen im Schnitt schlechter benotet, als die Bewerbungen von Männern.

Obwohl es vielen Menschen nicht bewusst ist, auch Männer sind durch diese Ungleichheiten benachteiligt. Noch immer überlässt das traditionelle Familienbild dem Vater die Hauptverantwortung die Familie zu ernähren und zu finanzieren. Wenn Chancengleichheit selbstverständlich wäre, würde dieser grundlegende Druck abfallen. Außerdem müssten Männer keine Angst mehr um ihren Job oder Ruf haben, wenn sie sich dazu entscheiden mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und zum Beispiel in Karenz gehen. Will man sich als Mann außerdem nicht dafür einsetzen, dass die eigene Freundin, Frau, Mutter oder Tochter gerecht behandelt werden? Feminismus ist kein Thema von Frauen für Frauen, sondern betrifft alle Menschen gleichermaßen.

NO PLANET B!
„Ich habe gelernt, dass man nie zu klein dafür ist, einen Unterschied zu machen.“, das sagt die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg. Wenn man nicht gerade US-Präsident Donald Trump nach seiner Meinung fragt, ist sich fast jeder einig: der Klimawandel ist ein großes Problem. Der Einsatz vieler Politiker eine Lösung zu finden, lässt allerdings zu wünschen übrig. Thunberg, eine 16-jährige Schwedin, ist durch ihr Engagement für das Klima gerade in aller Munde. Sie trifft mit ihren Worten ins Schwarze und hat dadurch eine ganze Bewegung ins Rollen gebracht. „Ich mache das, weil ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheißt.“ – ein Satz von Thunberg der zum Nachdenken anregt. Von ihren Gegnern wird sie kritisiert, dass sie zu jung sei, um die Probleme unserer Welt wirklich zu verstehen und fremdgesteuert werden würde. Sie kontert mit dem Argument, dass die Erwachsenen ja anscheinend nicht handeln und es somit in ihrer moralischen Verantwortung liege was zu unternehmen. Vor allem für junge Menschen ist sie zum Vorbild geworden und ihre Bewegung „Fridays for Future“ ist mittlerweile schon in unzählige Länder vorgedrungen.

Der unbekannte Passant aus Wien, Klenk und Thunberg haben sich für eine Sache stark gemacht – sie haben ein Problem erkannt und nicht geschwiegen. Und was ist das Resultat? Die junge Frau mit dem Kopftuch wurde nicht alleingelassen und freute sich bestimmt über die Unterstützung. Den Facebook-Post von Klenk sahen auch viele Männer, die sich mit diesem Thema vielleicht noch nie beschäftigt haben und wurden somit wahrscheinlich zum Nachdenken angeregt. Und Thunberg hat ganze Menschenmassen wachgerüttelt und motiviert auf die Straßen zu gehen. Auch wir müssen uns fragen, in welcher Welt wir leben wollen und welche Menschen wir sein möchten. Wollen wir wegschauen und nichts tun oder wollen wir uns für Dinge einsetzen, um etwas zu verändern?

Autor: Sandra Lehofer
Bildquelle: Pexels